Suchterkrankung Alkoholismus
Suchterkrankung Alkoholismus: kostenloses Lern-Audio (25 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript und passender Übung.
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Prüfungstraining: Suchterkrankung – Alkoholismus & Alkoholkrankheit begleiten
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Transkript
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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber, und bei mir ist Lena, eine Auszubildende. Heute geht es um die Suchterkrankung Alkoholismus. Ein kurzer Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung. Er ersetzt keine ärztliche Behandlung und nicht die Standards eurer Einrichtung. Wer selbst Fragen zum eigenen Alkoholkonsum hat, bekommt vertrauliche Hilfe bei jeder Suchtberatungsstelle.
LenaHallo! Alkohol ist ja überall. Wo hört Genuss auf und wo fängt Sucht an?
Frau WeberGenau mit dieser Frage beginnen wir. Überlegt einmal kurz für euch: Wie würdet ihr Genuss, Gewohnheit und Sucht unterscheiden? … Genuss ist etwas, das man bewusst und freiwillig macht, zum Beispiel ein Glas Wein zu einem besonderen Essen. Eine Gewohnheit ist etwas, das man regelmäßig macht, fast automatisch, zum Beispiel jeden Abend ein Bier. Und Sucht ist etwas, das man nicht mehr lassen kann, obwohl es einem schadet. Die Übergänge sind fließend. Und genau das macht Alkohol so tückisch.
Frau WeberWir gehen heute so vor: Zuerst klären wir, was Sucht ist, und unterscheiden stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Süchte. Dann definieren wir Alkoholismus und schauen auf Zahlen und Fakten. Danach kommen die Formen und Phasen der Alkoholkrankheit, die akute Alkoholvergiftung, der chronische Missbrauch, die Folgeschäden, der Entzug und zum Schluss die Behandlung.
Frau WeberZuerst zum Wort Sucht. Es kommt vom althochdeutschen Wort „siech“, und das bedeutet krank. Die Weltgesundheitsorganisation hat Sucht früher als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung beschrieben, der durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder künstlichen Droge entsteht. Grundsätzlich kann jeder Mensch süchtig werden. Sucht kann sich auf Substanzen beziehen, aber fast jedes menschliche Verhalten kann ebenfalls zur Sucht werden, zum Beispiel Arbeitssucht oder Spielsucht.
Frau WeberDie Weltgesundheitsorganisation hat den Begriff Sucht später durch den Begriff Abhängigkeit ersetzt. Oft liest man dafür das Jahr neunzehnhundertsiebenundsechzig. Nach den meisten Quellen war es schon neunzehnhundertvierundsechzig. Heute werden die Wörter Sucht und Abhängigkeit meist gleichbedeutend verwendet.
Frau WeberEine Abhängigkeit ist ein seelischer und eventuell auch körperlicher Zustand. Der Mensch hat ein dringendes Verlangen oder ein unbezwingbares Bedürfnis, sich eine bestimmte Substanz immer wieder zuzuführen oder eine bestimmte Handlung immer wieder auszuführen. Dieser Konsum hat für ihn Vorrang vor anderen Dingen, die ihm früher wichtiger waren. Und ganz wichtig: Eine Abhängigkeit ist eine chronische Krankheit. Sie heilt nicht einfach aus, kann aber durch Abstinenz, also durch völligen Verzicht, zum Stillstand gebracht werden. Außerdem gilt: Alkoholsucht ist eine Krankheit, die unbehandelt tödlich enden kann.
LenaWann spricht man denn offiziell von einer Abhängigkeit?
Frau WeberDafür gibt es feste Kriterien. In Deutschland nutzt man die Klassifikation I C D zehn. Dort müssen mindestens drei von sechs Kriterien innerhalb der letzten zwölf Monate gleichzeitig vorgelegen haben. Erstens: ein starkes Verlangen, die Substanz zu konsumieren. Man nennt das auch Craving. Zweitens: eine verminderte Kontrolle über die Menge, den Zeitpunkt und die Dauer des Konsums. Drittens: körperliche Entzugserscheinungen, wenn man weniger oder nichts konsumiert. Viertens: eine Toleranzentwicklung. Man braucht immer mehr, um die gleiche Wirkung zu spüren. Fünftens: Andere Interessen gehen verloren, und die Beschaffung der Substanz und die Erholung vom Konsum werden immer wichtiger. Und sechstens: Der Mensch konsumiert weiter, obwohl er schon schädliche Folgen für seine Gesundheit oder sein soziales Leben bemerkt.
Frau WeberJetzt zur Unterscheidung der Süchte. Stoffgebundene Süchte beziehen sich auf eine Substanz, die eine subjektiv positive Wirkung hat, zum Beispiel Alkohol, Nikotin, Medikamente oder illegale Drogen. Oft liest man, dass dabei meist Hormone ausgeschüttet werden, die das Wohlgefühl steigern. Genauer ist es so: Die Substanzen wirken auf die Botenstoffe im Gehirn, die sogenannten Neurotransmitter. Besonders wichtig ist dabei das Belohnungssystem mit dem Botenstoff Dopamin. Es meldet: Das war gut, mach das wieder. Genau das macht die Substanz so verführerisch.
Frau WeberNicht-stoffgebundene Süchte sind Süchte ohne Substanz. Hier wird ein Verhalten zur Abhängigkeit, zum Beispiel das Glücksspiel, Kaufen, Computerspiele oder die Nutzung von sozialen Medien. In der I C D zehn stehen sie unter „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“, im Kapitel F dreiundsechzig. Dazu gehört zum Beispiel das pathologische Glücksspiel.
Frau WeberKommen wir zu Zahlen und Fakten. Deutschland liegt beim Alkoholverbrauch im europäischen Vergleich auf Platz dreizehn, mit etwa zehn Komma sechs Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr. In Deutschland konsumieren nach dem Epidemiologischen Suchtsurvey von zweitausendeinundzwanzig etwa sieben Komma neun Millionen Menschen zwischen achtzehn und vierundsechzig Jahren Alkohol in einer gesundheitlich riskanten Menge. Bei neun Millionen liegt ein problematischer Konsum vor, gemessen mit einem Fragebogen, dem sogenannten AUDIT-Test.
Frau WeberAls riskant galt dabei ein Konsum von durchschnittlich mehr als zwölf Gramm reinem Alkohol pro Tag bei Frauen und mehr als vierundzwanzig Gramm bei Männern. Zwölf Gramm entsprechen ungefähr einem kleinen Glas Bier oder einem kleinen Glas Wein. Ein wichtiger Hinweis dazu: Neuere Empfehlungen von Fachgesellschaften sagen heute sogar, dass es keine völlig risikofreie Menge Alkohol gibt. Je weniger, desto besser.
Frau WeberWeitere Zahlen: Zweitausenddreiundzwanzig gab es in Deutschland über fünfzehntausend Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss mit einhundertachtundneunzig Toten. Etwa zweiundsechzigtausend Menschen wurden im Krankenhaus wegen einer akuten Alkoholvergiftung behandelt. Der Staat hat im gleichen Jahr gut drei Milliarden Euro alkoholbezogene Steuern eingenommen, und die Werbeausgaben für alkoholische Getränke lagen bei etwa vierhundertneunundsechzig Millionen Euro. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums werden dagegen auf rund siebenundfünfzig Milliarden Euro geschätzt. Das zeigt: Alkohol kostet die Gesellschaft ein Vielfaches von dem, was er an Steuern einbringt.
Frau WeberEs gibt auch Zahlen zu Straftaten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik. Hier muss man genau lesen. Gemeint ist: Bei den Tatverdächtigen einer bestimmten Straftat stand ein bestimmter Anteil unter Alkoholeinfluss. Zum Beispiel standen bei Widerstand gegen die Staatsgewalt knapp die Hälfte der Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss, nämlich neunundvierzig Komma sechs Prozent. Bei Totschlag waren es gut ein Viertel und bei der Gewaltkriminalität insgesamt etwa jeder Fünfte. Es heißt also nicht, dass die Hälfte aller Straftaten Widerstand gegen die Staatsgewalt ist.
LenaWie definiert man denn Alkoholismus genau?
Frau WeberNeben der I C D zehn gibt es noch eine zweite wichtige Klassifikation aus den USA, das D S M fünf. Dort spricht man von einer Alkoholkonsumstörung. Dafür müssen mindestens zwei von elf Kriterien über zwölf Monate vorliegen. Neun davon sind: Man trinkt mehr oder länger als geplant. Man möchte weniger trinken oder versucht es ohne Erfolg. Man verbringt viel Zeit damit, Alkohol zu besorgen, zu trinken oder sich davon zu erholen. Man hat ein starkes Verlangen, das Craving. Man trinkt weiter, obwohl es Probleme mit anderen Menschen gibt, und obwohl es körperliche oder seelische Probleme oder Gefahren gibt. Man braucht immer mehr. Man gibt berufliche und Freizeitaktivitäten auf. Und man bekommt Entzugsbeschwerden, wenn man weniger trinkt.
Frau WeberDie zwei weiteren Kriterien im D S M fünf sind: Man vernachlässigt wegen des Trinkens wichtige Pflichten in der Arbeit, der Schule oder zu Hause. Und man trinkt immer wieder in Situationen, in denen es gefährlich ist, zum Beispiel beim Autofahren. Je mehr Kriterien zutreffen, desto schwerer ist die Störung.
Frau WeberKommen wir zu den Formen des Alkoholismus. Der Forscher Elvin Morton Jellinek hat in den neunzehnhundertsechziger Jahren fünf Typen von Trinkern beschrieben und sie mit griechischen Buchstaben benannt. Hier nur kurz. Der Alpha-Trinker ist der Problem- oder Konflikttrinker. Er trinkt, um Probleme und Spannungen zu erleichtern. Er ist seelisch abhängig, hat aber keinen Kontrollverlust. Der Beta-Trinker ist der Gelegenheitstrinker. Er trinkt vor allem bei Anlässen und in Gesellschaft, oft auch viel, ist aber nicht abhängig. Er kann trotzdem körperliche Schäden bekommen.
Frau WeberDer Gamma-Trinker ist der süchtige Trinker, also der Alkoholiker im engeren Sinne. Er ist seelisch und körperlich abhängig und hat einen Kontrollverlust. Das heißt: Wenn er einmal angefangen hat, kann er nicht mehr aufhören. Er kann aber zwischendurch Phasen ganz ohne Alkohol haben. Der Delta-Trinker ist der Spiegel- oder Pegeltrinker. Er trinkt über den Tag verteilt, um einen bestimmten Alkoholspiegel zu halten. Er kann nicht auf Alkohol verzichten, verliert aber meistens nicht die Kontrolle über die Menge und wirkt oft lange unauffällig. Und der Epsilon-Trinker ist der Quartalstrinker. Er hat immer wieder Phasen mit exzessivem Trinken und Kontrollverlust, dazwischen oft wochen- oder monatelange Pausen.
Frau WeberWie entwickelt sich eine Alkoholabhängigkeit? Man beschreibt vier Phasen, ebenfalls nach Jellinek. Die erste ist die voralkoholische Phase. Der Mensch trinkt zunehmend, um sich zu erleichtern, zum Beispiel um Stress abzubauen. Er verträgt immer mehr, und seine Belastbarkeit nimmt ab. Die zweite ist die Vorläuferphase, auch Prodromalphase genannt. Die Toleranz steigt weiter. Der Mensch trinkt heimlich und gierig, hat immer häufiger Räusche mit Erinnerungslücken, und wenn man ihn darauf anspricht, spielt er es herunter oder leugnet es. Alkohol wird für ihn zur Problemlösung.
Frau WeberDie dritte ist die kritische Phase. Jetzt kommt die körperliche Abhängigkeit mit Kontrollverlust über die Trinkmenge und einem Zwang zu trinken, auch schon morgens. Es entstehen körperliche und soziale Folgen, und das Verhalten verändert sich, zum Beispiel durch Aggressivität und nachlassendes Verantwortungsgefühl. Oft gibt es nach Kontrollverlusten Trinkpausen, um sich selbst zu beweisen, dass man es noch im Griff hat. Die vierte ist die chronische Phase. Jetzt ist regelmäßiges Trinken schon am Morgen nötig, oft von hochprozentigem Alkohol, um bedrohliche Entzugsbeschwerden zu bekämpfen. Es kommt zu einem massiven körperlichen, geistigen und sozialen Abbau, mit Organschäden, Demenz und im schlimmsten Fall dem Tod. Und typisch für diese Phase ist, dass der Mensch Alkohol wieder weniger verträgt, weil die Leber geschädigt ist. Man spricht von einem Toleranzverlust.
LenaWie wird man überhaupt so abhängig?
Frau WeberMan beschreibt den Weg in die Sucht in fünf Schritten: Erfahrung, Wiederholung, Gewöhnung, Missbrauch und Abhängigkeit. Dazu kommen Faktoren, die eine Sucht begünstigen: die Substanz selbst und wie leicht man sie bekommt, die Persönlichkeit und die Lebensgeschichte des Menschen, zum Beispiel Stress, Einsamkeit oder seelische Erkrankungen, eine erbliche Veranlagung und das soziale Umfeld. Wo Alkohol überall dazugehört und leicht zu haben ist, ist die Hemmschwelle niedriger.
Frau WeberKommen wir zur akuten Alkoholvergiftung, der sogenannten Alkoholintoxikation. Die Wirkung hängt von der Menge ab, aber auch stark davon, wie sehr jemand an Alkohol gewöhnt ist. Ich stelle euch eine gängige, vereinfachte Einteilung vor. Denkt daran: Die Promillewerte sind nur Anhaltspunkte.
Frau WeberSchon ab etwa null Komma drei Promille lassen die Reaktionsfähigkeit und die Aufmerksamkeit nach, und der Mensch wird enthemmt. Mit steigender Menge wird er euphorisch, also gut gelaunt, gesprächig und risikofreudiger. Er schätzt Gefahren falsch ein, sieht zur Seite schlechter und kann Geräusche schlechter orten. Ab etwa einem Promille und mehr wird die Sprache verwaschen und lallend, die Bewegungen werden unsicher, und das Gleichgewicht ist gestört. Die Stimmung kann jetzt auch in Traurigkeit oder Aggression umschlagen.
Frau WeberAb etwa zwei Promille spricht man von einem schweren Rausch. Der Mensch wird zunehmend benommen, sein Bewusstsein trübt sich, er kann einnässen, erbrechen und stark auskühlen. Ab etwa drei Promille droht ein Koma, und ab etwa vier Promille besteht Lebensgefahr, weil die Atmung gelähmt werden kann. Manchmal liest man „größer fünf Prozent tödlich“. Gemeint sind Promille, nicht Prozent. Und bei Menschen, die nicht an Alkohol gewöhnt sind, zum Beispiel bei Jugendlichen, kann es schon bei deutlich niedrigeren Werten lebensgefährlich werden. Menschen mit einer langen Alkoholabhängigkeit vertragen dagegen oft erstaunlich hohe Werte.
LenaWas mache ich, wenn jemand stark betrunken ist?
Frau WeberEin Mensch mit einer schweren Alkoholvergiftung ist ein Notfall. Die größten Gefahren sind: Er erstickt an seinem Erbrochenen, er kühlt aus, er bekommt eine Unterzuckerung, denn Alkohol hemmt die Zuckerbildung in der Leber, oder seine Atmung setzt aus. Außerdem kann sich hinter einem vermeintlichen Rausch auch etwas anderes verbergen, zum Beispiel eine Kopfverletzung nach einem Sturz oder eine Unterzuckerung. Deshalb gilt: Lasst ihn nicht allein, prüft Bewusstsein und Atmung, bringt ihn bei Bewusstlosigkeit mit normaler Atmung in die stabile Seitenlage, haltet ihn warm und ruft Hilfe, außerhalb des Krankenhauses über eins-eins-zwei. Im Krankenhaus wird er überwacht, und der Blutzucker wird gemessen.
Frau WeberJetzt zum Alkoholmissbrauch, auch Alkoholabusus genannt. Alkoholmissbrauch ist jeder Alkoholkonsum, der zu körperlichen, seelischen oder sozialen Schäden führt. Die Schwelle zur Abhängigkeit ist erreicht, wenn jemand Alkohol braucht, um sich einigermaßen wohlzufühlen. Beim chronischen Alkoholmissbrauch trinkt der Mensch regelmäßig in schädlicher Weise. Typisch sind verlängerte, tagelange Räusche, ein Toleranzverlust, bedrohliche Entzugsbeschwerden, ein körperlicher, seelischer und sozialer Abbau, eine verminderte Hirnleistung, Konzentrationsstörungen, Organschäden, Demenz und schließlich der Tod.
Frau WeberKommen wir zu den Folgeschäden. Alkohol ist ein Zellgift. Außerdem entsteht beim Abbau in der Leber ein giftiges Zwischenprodukt, das Acetaldehyd. Es schädigt die Organe zusätzlich. Die Leber kann verfetten, und daraus kann sich eine Leberzirrhose entwickeln, also ein narbiger Umbau, bei dem die Leber ihre Funktion verliert. Im Magen-Darm-Trakt entstehen zum Beispiel eine Entzündung der Speiseröhre durch Rückfluss von Magensäure, Krampfadern in der Speiseröhre, die sogenannten Ösophagusvarizen, eine Magenschleimhautentzündung und Geschwüre in Magen und Zwölffingerdarm. Die Ösophagusvarizen sind besonders gefährlich, weil sie plötzlich stark bluten können.
Frau WeberDie Bauchspeicheldrüse kann sich akut oder chronisch entzünden. Am Herz-Kreislauf-System entstehen Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, eine Schädigung des Herzmuskels und eine Herzschwäche. Im Stoffwechsel ist die Gegenreaktion bei einer Unterzuckerung gehemmt. Und es kommt zu Mangelerscheinungen, weil viele Menschen mit Alkoholabhängigkeit sich schlecht ernähren und der Alkohol die Aufnahme von Vitaminen stört.
Frau WeberAm Nervensystem entstehen eine Polyneuropathie, also eine Schädigung der Nerven, die meist an den Beinen beginnt, mit Kribbeln, Taubheit und Gangunsicherheit. Außerdem Krampfanfälle, die Wernicke-Enzephalopathie, das Korsakow-Syndrom und die Alkoholdemenz. Die Wernicke-Enzephalopathie entsteht durch einen Mangel an Vitamin B eins, auch Thiamin genannt. Typische Zeichen sind Verwirrtheit, Gangunsicherheit und Störungen der Augenbewegungen. Sie ist ein Notfall und wird mit Thiamin behandelt, das der Arzt anordnet. Wird sie nicht behandelt, kann sie in ein Korsakow-Syndrom übergehen. Dabei ist das Gedächtnis schwer gestört, und die Betroffenen füllen Erinnerungslücken oft unbewusst mit erfundenen Geschichten. Man nennt das Konfabulation.
Frau WeberEine gute Nachricht: Manche Organe können sich erholen, wenn der Mensch aufhört zu trinken. Eine Fettleber zum Beispiel kann sich wieder zurückbilden. Eine Leberzirrhose dagegen ist nicht mehr heilbar.
Frau WeberKommen wir zum Alkoholentzugssyndrom. Wenn ein körperlich abhängiger Mensch plötzlich nicht mehr trinkt, zum Beispiel weil er ins Krankenhaus kommt, entstehen Entzugsbeschwerden. Sie beginnen etwa vier bis zwölf Stunden nach dem letzten Alkohol. Typisch sind: Zittern, besonders der Hände, ein schneller Puls, ein erhöhter Blutdruck, Schwitzen, Schlafstörungen, Angst, Übelkeit und Erbrechen und eine innere und äußere Unruhe. Bei einem Teil der Betroffenen, etwa zehn Prozent, kommt es zu Krampfanfällen.
LenaDas klingt gefährlich.
Frau WeberJa, der Alkoholentzug kann lebensgefährlich sein. Die schwerste Form ist das Delirium tremens, das Entzugsdelir. Es beginnt meist ein bis drei Tage nach dem letzten Alkohol. Der Mensch ist dann schwer verwirrt und desorientiert, sehr unruhig, er schwitzt stark, zittert, hat einen schnellen Puls und oft Halluzinationen, zum Beispiel sieht er kleine Tiere. Ein Delirium tremens ist ein Notfall und muss intensivmedizinisch behandelt werden.
Frau WeberDeshalb ist die Pflege im Entzug so wichtig. Und das gilt nicht nur in der Psychiatrie. Ein Entzug findet oft in Allgemeinkliniken statt, geplant oder ungeplant, zum Beispiel wenn jemand wegen einer Operation oder einer anderen Krankheit ins Krankenhaus kommt und dann Entzugszeichen zeigt. Achtet deshalb bei allen Patienten auf diese Zeichen, besonders in den ersten Tagen. Und fragt bei der Aufnahme offen und ohne Wertung nach dem Alkoholkonsum.
Frau WeberIm Entzug überwacht ihr regelmäßig die Vitalzeichen und die Entzugszeichen. Viele Kliniken nutzen dafür Punkteskalen. Der Arzt ordnet Medikamente an, die die Entzugsbeschwerden lindern und Krampfanfällen und einem Delir vorbeugen, und oft auch Thiamin. Ihr sorgt für eine ruhige, gut beleuchtete Umgebung, achtet auf ausreichende Flüssigkeit, auf die Sturzgefahr und darauf, ob der Mensch orientiert ist. Und ihr meldet eine Verschlechterung sofort dem Arzt.
Frau WeberKommen wir zur Behandlung. Es gibt drei Bausteine. Der erste ist die Entzugsbehandlung. Früher sagte man dazu Entgiftung, dieser Begriff gilt aber als veraltet. Hier geht es um den körperlichen Entzug und die Behandlung der Entzugsbeschwerden. Dazu kommen erste Gespräche über mögliche Wege aus der Sucht. Wenn der Entzug mit solchen motivierenden Gesprächen und Therapieangeboten verbunden ist, spricht man von einem qualifizierten Entzug.
Frau WeberDer zweite Baustein ist die Entwöhnungstherapie, auch Rehabilitation genannt. Sie folgt auf einen erfolgreichen Entzug. Sie dauert in der Regel etwa vier Monate. Je nach Einrichtung und Form kann die Dauer aber unterschiedlich sein, und es gibt sie auch ambulant oder in einer Tagesklinik. Hier gibt es Einzel- und Gruppengespräche und eine Betreuung durch Sozialpädagogen, zum Beispiel bei Problemen mit Behörden oder Geld. Das Ziel ist, ein Leben ohne Alkohol zu lernen.
Frau WeberDer dritte Baustein sind ambulante Angebote und die Nachsorge. Dazu gehören Suchtberatungsstellen, Psychotherapie und Selbsthilfegruppen, zum Beispiel die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz. Die Nachsorge ist sehr wichtig, weil Rückfälle häufig sind. Ein Rückfall ist kein Versagen, sondern gehört bei vielen Menschen zum Weg aus der Sucht dazu. Wichtig ist, dann wieder Hilfe zu suchen.
Frau WeberEs gibt viele Suchtberatungsstellen, zum Beispiel das Blaue Kreuz. Und es gibt Informationsseiten zur Alkoholprävention, zum Beispiel „Null Alkohol – Voll Power“ für Jugendliche. Suchtberatungsstellen gibt es in jeder größeren Stadt. Die Beratung ist vertraulich und meist kostenlos.
LenaUnd wie gehe ich als Pflegende mit einem Menschen mit Alkoholabhängigkeit um?
Frau WeberDas Wichtigste ist die Haltung. Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Begegnet den Menschen respektvoll und ohne Vorwürfe. Viele schämen sich sehr und leugnen ihr Problem, das gehört oft zur Krankheit dazu. Moralische Appelle helfen nicht. Hilfreicher ist, sachlich zu informieren, zuzuhören und die Motivation für eine Veränderung zu stärken. Gleichzeitig dürft ihr klare Regeln haben, zum Beispiel dass auf der Station kein Alkohol getrunken wird. Und achtet auch auf eure eigenen Gefühle. Wenn euch ein Patient wütend oder hilflos macht, besprecht das im Team.
Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Sucht und Abhängigkeit werden heute gleichbedeutend verwendet. Abhängigkeit ist eine chronische Krankheit, die durch Abstinenz zum Stillstand kommen kann. Nach der I C D zehn müssen mindestens drei von sechs Kriterien in den letzten zwölf Monaten gleichzeitig vorliegen. Es gibt stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Süchte. Suchtmittel wirken auf das Belohnungssystem im Gehirn, vor allem über Dopamin.
Frau WeberDie Alkoholabhängigkeit entwickelt sich oft über vier Phasen: voralkoholisch, Vorläuferphase, kritische Phase und chronische Phase. Eine schwere Alkoholvergiftung ist ein Notfall, mit der Gefahr von Ersticken, Auskühlung, Unterzucker und Atemlähmung. Alkohol schädigt fast alle Organe, besonders Leber, Bauchspeicheldrüse, Herz und Nervensystem. Der Entzug beginnt einige Stunden nach dem letzten Alkohol und kann lebensgefährlich sein, bis hin zum Delirium tremens. Die Behandlung besteht aus Entzug, Entwöhnung und Nachsorge. Und begegnet Menschen mit Alkoholabhängigkeit mit Respekt und ohne Vorwürfe.
LenaDanke, Frau Weber! Jetzt verstehe ich, warum Alkohol so gefährlich ist.
Frau WeberDas freut mich, Lena. Und euch allen: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!
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