Symptome bei Alkoholismus einschätzen und Menschen im Entzug begleiten

Symptome bei Alkoholismus einschätzen und Menschen im Entzug begleiten: kostenloses Lern-Audio (25 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript und passender Übung.

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Prüfungstraining: Suchterkrankung – Alkoholismus & Alkoholkrankheit begleiten

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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber, und bei mir ist Lena, eine Auszubildende. Heute lernt ihr, wie ihr die Symptome bei Alkoholismus einschätzt und wie ihr Menschen im Alkoholentzug pflegerisch begleitet. Ein kurzer Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung. Er ersetzt keine ärztliche Behandlung und nicht die Standards eurer Einrichtung.

LenaHallo! Das ist ja auch auf ganz normalen Stationen wichtig, oder?

Frau WeberGanz genau. Viele Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit kommen nicht wegen des Alkohols ins Krankenhaus, sondern wegen einer Operation, eines Sturzes oder einer anderen Krankheit. Und dann beginnt plötzlich ein Entzug. Deshalb müsst ihr die Zeichen überall erkennen können. Wir gehen so vor: Zuerst geht es um die Alkoholvergiftung und um schwere Folgen wie das Delir. Dann um Assessmentinstrumente, mit denen ihr einen problematischen Konsum erkennt. Danach um den Entzug, seine Phasen und die pflegerische Begleitung. Und zum Schluss um Rückfälle und die richtige Haltung.

Frau WeberZuerst ein paar Zahlen, die zeigen, wie groß das Problem ist. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa dreiundsiebzigtausend Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Und die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt, dass rund zwei Komma sechs Millionen Kinder in Deutschland mit einem alkoholkranken Elternteil aufwachsen. Man spricht manchmal vom Passivtrinken der Kinder, weil sie unter den Folgen mitleiden.

Frau WeberKommen wir zur Alkoholvergiftung, auch Alkoholintoxikation genannt. Sie entsteht durch eine übermäßige Alkoholaufnahme innerhalb weniger Stunden, bei Erwachsenen meist über hundert Gramm reinen Alkohol. Das ist ungefähr eine Flasche Wein oder zweieinhalb Liter Bier. Sie ist die häufigste Vergiftung in Deutschland. Und wenn sie zu spät oder gar nicht behandelt wird, kann sie tödlich enden.

Frau WeberTrotz großer Unterschiede zwischen den Menschen gibt es einen groben Zusammenhang zwischen dem Alkoholgehalt im Blut, gemessen in Promille, und den Symptomen. Ab etwa null Komma drei Promille wird die Stimmung gehoben, und die Gefühle werden enthemmt. Der Mensch redet viel, ist streitlustig, manchmal aggressiv, und seine Stimmung schwankt schnell. Man sagt dazu Affektlabilität. Konzentration, Reaktion und Aufmerksamkeit lassen nach, die Urteilsfähigkeit ist eingeschränkt, und er ist risikobereiter.

Frau WeberAb etwa null Komma fünf Promille liegt in Deutschland die gesetzliche Grenze für das Autofahren. Aber Achtung: Die Fahrtüchtigkeit ist schon darunter eingeschränkt, und für Fahranfänger und junge Menschen unter einundzwanzig gilt null Promille. Ab etwa null Komma acht Promille sind Gleichgewicht und Feinmotorik gestört. Das räumliche Sehen wird schlechter, das Blickfeld wird enger, Konzentration und Reaktion sind deutlich beeinträchtigt, und der Mensch überschätzt sich selbst. Ab etwa eins Komma zwei Promille sind die Gleichgewichtsstörungen ausgeprägt, und Sprache und Orientierung werden zunehmend gestört. Ab etwa zwei Promille wird das Bewusstsein zunehmend eingeschränkt, bis hin zum Koma. Und ab etwa drei Promille ist ein tödlicher Ausgang möglich.

Frau WeberDas gilt für Menschen, die nicht an Alkohol gewöhnt sind. Menschen mit einer langen Abhängigkeit können bei gleichen Werten noch erstaunlich klar wirken. Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine Toleranzentwicklung.

LenaUnd was ist das Delirium tremens?

Frau WeberDas Delirium tremens, kurz Delir, ist eine der gefährlichsten Komplikationen. Wenn ein Mensch nach langem Alkoholmissbrauch körperlich abhängig ist und plötzlich nicht mehr trinkt, kann es zu einem Delir kommen. Kennzeichnend sind ein schnelles Zittern, daher der Name „tremens“, also zitternd. Dazu kommen Störungen des Bewusstseins und der Orientierung, Angstanfälle, starkes Schwitzen, eine tiefe Niedergeschlagenheit und Halluzinationen. Typisch sind optische Halluzinationen, also Dinge, die der Mensch sieht, obwohl sie nicht da sind, oft kleine, sich bewegende Tiere wie Käfer oder Mäuse. Oft sind die Betroffenen außerdem leicht beeinflussbar. Wenn man ihnen zum Beispiel ein leeres Blatt gibt und sie bittet vorzulesen, lesen sie manchmal etwas vor. Das nennt man Suggestibilität.

Frau WeberEin Delir ist lebensbedrohlich. Es beginnt meist ein bis drei Tage nach dem letzten Alkohol. Oft liest man, dass es durch einen epileptischen Krampfanfall eingeleitet wird. Das kann so sein, ist aber nicht immer so. Ein Krampfanfall kann einem Delir vorausgehen, ein Delir kann aber auch ohne Anfall entstehen. Unbehandelt dauert es etwa vier bis sieben Tage und endet in einem langen, tiefen Schlaf. Danach können sich die Betroffenen meist nicht an die Zeit des Delirs erinnern. Heute wird ein Delir intensivmedizinisch behandelt.

Frau WeberDavon muss man die Alkoholhalluzinose unterscheiden. Hier hört der Mensch vor allem Stimmen, die ihn beschimpfen oder bedrohen, und zwar bei klarem Bewusstsein. Er hat große Angst, flieht manchmal oder verbarrikadiert sich. Das Bild ähnelt einer paranoiden Schizophrenie, aber anders als bei der Schizophrenie gibt es keine Ich-Störungen, also nicht das Gefühl, dass fremde Mächte die eigenen Gedanken steuern. Und eine Alkoholhalluzinose kann nach einem Delir als Reststörung bestehen bleiben.

Frau WeberDie nächste schwere Folge ist die Wernicke-Enzephalopathie. Sie hat drei typische Leitsymptome: eine Trübung des Bewusstseins bis hin zur Verwirrtheit, Koordinationsstörungen mit einem unsicheren Gang bis zur Gehunfähigkeit, und Lähmungen der Augenmuskeln, zum Beispiel sieht der Mensch doppelt, oder die Augen zittern. Oft liest man, dass sie nach einem Delir auftritt. Genauer ist es so: Die Ursache ist ein Mangel an Vitamin B eins, auch Thiamin genannt. Dieser Mangel ist bei alkoholkranken Menschen häufig, weil sie sich oft schlecht ernähren und der Alkohol die Aufnahme des Vitamins stört. Eine Wernicke-Enzephalopathie kann deshalb auch unabhängig von einem Delir entstehen.

Frau WeberSie ist ein Notfall und kann tödlich enden. Behandelt wird sie mit Thiamin, das der Arzt anordnet, oft als Infusion. Und hier ein wichtiger Hinweis für eure Praxis: Bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit wird Thiamin in der Regel vor einer Zuckerinfusion gegeben. Denn der Körper verbraucht beim Abbau von Zucker Thiamin. Eine Zuckerinfusion ohne Thiamin kann eine Wernicke-Enzephalopathie deshalb sogar auslösen. Die Reihenfolge legt der Arzt fest, aber ihr solltet sie kennen.

Frau WeberWird die Wernicke-Enzephalopathie nicht rechtzeitig behandelt, kann sie in ein Korsakow-Syndrom übergehen. Das ist eine schwere Veränderung des Gehirns nach chronischem Alkoholismus. Die Leitsymptome sind eine ausgeprägte Störung der Merkfähigkeit, also des Kurzzeitgedächtnisses, eine Desorientierung und die Konfabulation. Konfabulation bedeutet: Der Mensch füllt seine Gedächtnislücken mit frei erfundenen Geschichten, ohne es zu merken. Er lügt also nicht absichtlich. Das Korsakow-Syndrom ist meistens nicht mehr umkehrbar, und viele Betroffene werden dauerhaft pflegebedürftig. Die schwerste Folge ist eine Demenz.

LenaWie erkenne ich überhaupt, dass jemand ein Alkoholproblem hat? Viele sagen das ja nicht.

Frau WeberGenau das ist die Schwierigkeit. Eine Abhängigkeit ist oft schwer zu erkennen, weil die Betroffenen sich bemühen, sie zu verbergen. Hinweise können zum Beispiel versteckte Flaschen oder Tabletten sein, oder eine gereizte, aggressive Reaktion, wenn man das Thema Alkohol anspricht. Um einen chronischen Alkoholkonsum zu erkennen, kombiniert man drei Dinge: Fragebögen, sogenannte indirekte Zustandsmarker im Blut und den direkten Nachweis von Alkohol.

Frau WeberBeginnen wir mit den Fragebögen. Der einfachste ist der CAGE-Test. Er hat vier Fragen. Der Name kommt von den Anfangsbuchstaben der englischen Stichwörter. Die Fragen lauten ungefähr so: Erstens: Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren Alkoholkonsum verringern sollten? Zweitens: Haben Sie sich schon einmal geärgert, weil andere Ihr Trinkverhalten kritisiert haben? Drittens: Haben Sie sich schon einmal wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt? Und viertens: Haben Sie schon einmal morgens als Erstes Alkohol getrunken, um sich zu beruhigen oder in Gang zu kommen? Werden zwei oder mehr Fragen mit Ja beantwortet, ist das ein deutlicher Hinweis auf ein Alkoholproblem.

Frau WeberGenauer ist der AUDIT-Fragebogen. AUDIT steht für Alcohol Use Disorders Identification Test. Er wurde von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt. Er hat zehn Fragen und erfasst Alkoholprobleme im letzten Jahr, also wie oft und wie viel jemand trinkt, ob es Zeichen einer Abhängigkeit gibt und ob schon Schäden entstanden sind. Er gilt als einer der genauesten Tests, um riskanten oder schädlichen Konsum zu erkennen. Ab acht Punkten geht man von einem problematischen Konsum aus.

Frau WeberWeil der AUDIT mit zehn Fragen in manchen Situationen zu aufwendig ist, gibt es eine Kurzform: den AUDIT-C. Er besteht nur aus den ersten drei Fragen, also wie oft jemand trinkt, wie viel er an einem typischen Tag trinkt und wie oft er sechs oder mehr Gläser bei einer Gelegenheit trinkt. In Deutschland gilt meist ein Wert ab vier Punkten bei Frauen und ab fünf Punkten bei Männern als auffällig.

Frau WeberDann die indirekten Zustandsmarker. Das sind Blutwerte, die sich durch langen Alkoholkonsum verändern, zum Beispiel bestimmte Leberwerte oder ein Wert namens C D T. Und schließlich der direkte Nachweis von Alkohol oder seinen Abbauprodukten in der Atemluft, im Blut, im Urin oder sogar in den Haaren. Die Blutuntersuchungen ordnet der Arzt an.

Frau WeberWenn ihr die Assessmentinstrumente praktisch anwendet, denkt daran: Stellt die Fragen offen, ruhig und ohne Wertung. Zum Beispiel: „Wir fragen alle Patienten nach ihrem Alkoholkonsum, weil das für die Behandlung wichtig ist.“ So fühlt sich niemand angeklagt.

Frau WeberKommen wir zur Entgiftung. Der Fachbegriff heißt Detoxifikation. Damit sind medizinische Maßnahmen gemeint, mit denen giftige oder auf die Psyche wirkende Stoffe aus dem Körper entfernt werden. Im weiteren Sinn meint man damit das vollständige Weglassen des Suchtmittels, also den Entzug. Heute spricht man lieber von Entzugsbehandlung als von Entgiftung.

Frau WeberWie lange dauert das? Je nach Substanz und individuellem Verlauf etwa zwei Wochen. Die Symptome sind körperliche Beschwerden, Angst, Unruhe, ein starkes Verlangen nach der Substanz und eine erhöhte Suizidgefahr. Die körperlichen Entzugserscheinungen können in Extremfällen lebensbedrohlich sein und eine Intensivbehandlung erfordern. Deshalb findet der Alkoholentzug meistens stationär statt.

Frau WeberMan beschreibt vier Phasen. Die erste ist die Motivationsphase. Sie ist schon ein Teil der Behandlung, denn ohne Motivation des Menschen ist eine Therapie nicht möglich. Die zweite ist die akute Entzugsphase. Jetzt wird der Alkohol aus dem Körper abgebaut, und es treten Entzugserscheinungen auf, zum Beispiel Unruhe, Schlafstörungen, Zittern oder Übelkeit. Die dritte ist die Stabilisierungsphase. Hier werden die körperlichen und seelischen Entzugsbeschwerden behandelt, und man verhindert Komplikationen.

Frau WeberDie vierte Phase heißt oft Rehabilitationsphase. Manchmal liest man, dass der Patient auf den „weiteren Entzug“ vorbereitet wird. Gemeint ist aber etwas anderes: Nach dem Entzug wird der Patient auf die Zeit danach vorbereitet, vor allem auf die Entwöhnung. Der Entzug befreit den Körper vom Alkohol. Die Entwöhnung, also die eigentliche Rehabilitation, hilft dem Menschen danach, dauerhaft ohne Alkohol zu leben. Dafür werden schon in dieser Phase Strategien zur Rückfallvorbeugung erarbeitet, und es gibt Einzel- und Gruppengespräche.

LenaUnd was ist unsere Aufgabe als Pflegende im Entzug?

Frau WeberEs gibt drei große Aufgaben: die Entzugsbeschwerden lindern, den Menschen zum Durchhalten ermutigen und ihn vor Gefahren schützen. Dazu beobachtet ihr ihn genau auf Symptome und Komplikationen. Erstens die Vitalzeichen: Bewusstsein, Atmung, Puls und Blutdruck. Zweitens die vegetativen Zeichen, also Schwitzen und Zittern. Drittens Zeichen eines epileptischen Anfalls. Viertens Zeichen eines Delirs, also Bewusstseinsstörungen, Beeinflussbarkeit, Halluzinationen und Orientierungsstörungen. Und fünftens Zeichen für heimlichen Konsum, zum Beispiel ungewöhnlich weite oder enge Pupillen, eine auffällige Müdigkeit oder ein ungewöhnliches Verhalten. Viele Kliniken nutzen für die Beobachtung Punkteskalen. Nach den Punkten richtet sich oft die Medikamentengabe, die der Arzt angeordnet hat.

Frau WeberFür die Umgebung gilt: Schirmt den Menschen so gut wie möglich vor Reizen ab, zum Beispiel in einem Einzelzimmer, eher gedämpftes Licht mit einer Nachttischlampe statt einer grellen Deckenleuchte, und eine ruhige, störungsfreie Umgebung. Nachts ist ein kleines Licht oft hilfreich, damit der Mensch sich orientieren kann. Die Sturzgefahr ist erhöht. Deshalb soll der Mensch nicht allein aufstehen.

Frau WeberAchtet auf die Flüssigkeit. Empfohlen werden oft mindestens zweitausend Milliliter am Tag, und die Einfuhr wird bilanziert, wenn nichts anderes angeordnet ist. Keine anregenden Getränke wie Kaffee oder schwarzen Tee. Bei Schlafstörungen können beruhigende Kräutertees helfen, bei Unruhe und Verspannungen entspannende Bäder, aber nur, wenn der Kreislauf stabil ist und nie allein, wegen der Gefahr eines Krampfanfalls oder eines Kollapses. Und unterstützt den Menschen bei Übelkeit, Erbrechen und bei der Körperpflege.

LenaUnd was ist mit dem Fixieren? Wann darf man das?

Frau WeberDas ist eine sehr wichtige Frage. Grundsätzlich gilt: Fixieren nur, wenn eine konkrete Gefahr für den Menschen selbst oder für andere besteht, und vorher die Möglichkeiten der Medikamente ausschöpfen. Ich ergänze das: Eine Fixierung ist eine freiheitsentziehende Maßnahme. Sie ist immer nur das letzte Mittel, wenn mildere Maßnahmen nicht reichen. Sie braucht eine ärztliche Anordnung, und für eine Fixierung, die länger dauert, ist zusätzlich eine richterliche Genehmigung nötig. Während der Fixierung muss der Mensch engmaschig überwacht und betreut werden, bei einer Fixierung an allen Gliedmaßen durch eine Eins-zu-eins-Betreuung. Alles wird genau dokumentiert, und die Fixierung wird so früh wie möglich beendet. Welche Regeln genau gelten, steht in den Standards eures Hauses.

Frau WeberZur Begleitung gehört auch, mit dem Menschen zu besprechen, wie es nach dem Entzug weitergeht. Oft wird eine Entwöhnungstherapie empfohlen. Ihr könnt mit ihm besprechen, wie er mit dem Suchtdruck, dem Craving, umgehen kann, zum Beispiel durch Ablenkung, Bewegung und Beschäftigung. Wichtig ist eine Tagesstruktur für die Zeit nach der Entlassung. Ihr unterstützt ihn dabei, Kontakt zu Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen aufzunehmen. Gemeinsam werden Risikofaktoren für einen Rückfall erarbeitet, und es wird ein Notfallplan vereinbart, was er tut, wenn ein Rückfall droht oder passiert ist. Und die Angehörigen werden beraten, wie sie ihn unterstützen können, ohne sein abhängiges Verhalten zu fördern, zum Beispiel indem sie ihm keinen Alkohol besorgen oder ihn nicht bei der Arbeit entschuldigen.

Frau WeberKommen wir zu den Rückfällen. Etwa zwei Drittel aller Patienten nach einer Entwöhnung haben einen Rückfall. Ein Rückfall darf deshalb nicht als Versagen des Patienten oder des Behandlungsteams gesehen werden. Rückfälle gehören zur Krankheit dazu.

Frau WeberUnd hier kommt ein wichtiger Fachbegriff, den ihr genau verstehen müsst: der Abstinenzverletzungseffekt. Er erklärt, warum aus einem einmaligen Ausrutscher oft ein richtiger Rückfall wird. Stellt euch vor, jemand hat monatelang nichts getrunken und trinkt dann auf einer Feier ein Glas. Danach kommen starke Gefühle von persönlichem Versagen. Er denkt: „Jetzt ist sowieso alles verloren. Ich habe versagt. Jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an.“ Und genau diese Gedanken führen dazu, dass er weitertrinkt. Das ist der Abstinenzverletzungseffekt.

LenaUnd wie kann man dem entgegenwirken?

Frau WeberGenau so: Ein möglicher Ausrutscher darf nicht überbewertet werden. Dann werden die Versagensgefühle nicht noch stärker, und der Mensch fällt nicht so leicht in seine alten Muster zurück. Man kann ihm also sagen: „Ein Glas ist ein Ausrutscher, kein Beweis dafür, dass alles verloren ist. Sie können jetzt sofort wieder aufhören.“ Wichtig: Das Nichtüberbewerten ist die Strategie gegen den Abstinenzverletzungseffekt. Der Effekt selbst ist das Gefühl „jetzt ist eh alles egal“.

Frau WeberKommen wir zur Haltung. Oft sehen alkoholkranke Menschen die Pflegenden und Ärzte zuerst als Gegner, weil diese ihnen den Alkohol entziehen. Das erschwert den Aufbau einer Beziehung. Meistens braucht es einen längeren Lernprozess, bis der Mensch erkennt, dass er krank ist und länger Hilfe braucht. Deshalb vermeidet ihr Schuldzuweisungen und Anklagen. Und Diskussionen über Alkohol und das Trinkverhalten sind im Entzug meistens sinnlos, weil der Mensch noch gar nicht in der Lage ist, konstruktiv mitzuarbeiten.

Frau WeberDazu ein guter Rat: Wenn ihr merkt, dass ihr selbst aggressiv reagiert, weil ein Patient sich ständig gegen die Behandlung auflehnt und euch vielleicht sogar beschimpft, dann macht euch bewusst: Die Krankheit lässt ihn so handeln. Das richtet sich nicht gegen euch persönlich.

Frau WeberEs gibt außerdem zwei gefährliche Extreme in der Haltung. Das erste Extrem: Der Patient wird als willensschwacher Mensch gesehen, der selbst an allem schuld ist. Dann wird er nicht als Kranker ernst genommen, und die Pflegenden verhalten sich schnell vorwurfsvoll oder aggressiv. Das zweite Extrem: Der Patient wird nur als unschuldiges Opfer schwieriger Umstände gesehen. Dann übersieht man seine gesunden Anteile und seine Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen, und stärkt sie nicht. Die richtige Haltung liegt dazwischen: Ihr seht den Menschen als kranken Menschen, der Unterstützung braucht, aber auch selbst etwas verändern kann.

Frau WeberUnd eine wichtige Warnung: Alkoholkranke Menschen sind stark suizidgefährdet, besonders wenn gerade ihr soziales Umfeld zusammengebrochen ist, zum Beispiel nach einer Trennung oder dem Verlust der Arbeit. Achtet deshalb auf Äußerungen über Suizid und gebt sie sofort an den Arzt weiter.

Frau WeberFür die Gesprächsführung gilt: Begegnet alkoholkranken Menschen ohne Vorurteile, wertfrei und mit der gleichen Fürsorge wie allen anderen Patienten. Eine gute Methode ist die motivierende Gesprächsführung. Ihr Ziel ist, dass die Motivation zur Veränderung aus dem Menschen selbst kommt. Das erreicht man durch aktives, respektvolles Zuhören, durch das behutsame Aufzeigen von widersprüchlichen Gefühlen und Wünschen und dadurch, dass man seine Zuversicht stärkt, sich ändern zu können. Zum Beispiel: „Einerseits hilft Ihnen der Alkohol beim Abschalten. Andererseits sagen Sie, dass Sie Angst um Ihre Arbeit haben. Wie passt das für Sie zusammen?“

Frau WeberViele schämen sich wegen ihrer Abhängigkeit, besonders wenn sie wiederholt ins Krankenhaus kommen. Begegnet ihnen wertschätzend, auch wenn sie unfreundlich, anmaßend oder provozierend sind. Aber: Beleidigungen und Fehlverhalten sprecht ihr immer sachlich an. Die Kommunikation soll klar, offen und eindeutig sein. Lange Erklärungen und Diskussionen helfen meistens nicht. Feste Regeln und deren Einhaltung sind wichtig, und bei Regelverstößen gibt es klare Konsequenzen. Eine gewisse Gereiztheit müsst ihr akzeptieren. Aber Gewalt wird niemals toleriert. Wenn nötig, geht ihr zu zweit zu dem Patienten.

Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Die Symptome einer Alkoholvergiftung hängen grob vom Promillewert ab, von Enthemmung und Streitlust über Gleichgewichtsstörungen bis zum Koma. Ab etwa drei Promille ist ein tödlicher Ausgang möglich. Das Delirium tremens ist lebensgefährlich, mit Zittern, Verwirrtheit, Schwitzen und Halluzinationen, und kann, muss aber nicht, mit einem Krampfanfall beginnen. Die Wernicke-Enzephalopathie entsteht durch einen Mangel an Vitamin B eins und wird mit Thiamin behandelt, meist vor einer Zuckergabe. Unbehandelt kann sie in ein Korsakow-Syndrom mit Gedächtnisstörungen und Konfabulationen übergehen.

Frau WeberEinen problematischen Konsum erkennt ihr mit Fragebögen wie CAGE, AUDIT und AUDIT-C, mit Blutwerten und mit dem direkten Alkoholnachweis. Im Entzug beobachtet ihr Vitalzeichen, Zittern, Schwitzen, Anfälle, Delirzeichen und heimlichen Konsum, sorgt für eine ruhige Umgebung, ausreichend Flüssigkeit und Sturzschutz. Eine Fixierung ist das letzte Mittel und braucht eine ärztliche Anordnung und die rechtlichen Voraussetzungen. Der Abstinenzverletzungseffekt ist das Gefühl „jetzt ist eh alles egal“ nach einem Ausrutscher. Dagegen hilft, einen Ausrutscher nicht zu überbewerten. Und begegnet den Menschen wertfrei, klar und mit motivierender Gesprächsführung.

LenaDanke, Frau Weber! Das mit dem Abstinenzverletzungseffekt habe ich jetzt endlich verstanden.

Frau WeberDas freut mich, Lena. Und euch allen: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!

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