Not- und Unfallsituationen erkennen und bewältigen
Not- und Unfallsituationen erkennen und bewältigen: kostenloses Lern-Audio (32 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript.
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Transkript
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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber. Heute geht es darum, wie ihr Not- und Unfallsituationen erkennt und richtig handelt. Ein kurzer Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung. Er ersetzt keinen praktischen Erste-Hilfe-Kurs und nicht die Standards eurer Einrichtung. Übt die Handgriffe unbedingt auch praktisch.
Frau WeberUnsere Stunde hat fünf Teile. Erstens denken wir über eigene Erfahrungen mit Unfällen nach. Zweitens geht es um die Erste Hilfe vor Ort: eure Pflicht als Ersthelfer, der Kontakt mit Betroffenen, die Rettungskette, der Notruf, eure eigene Sicherheit und die Rettung aus einer Gefahrenzone. Drittens lernt ihr, was ihr bei Bewusstlosigkeit tut. Viertens geht es um den Schock. Und fünftens schauen wir, was im privaten Umfeld und was auf Station anders ist.
Frau WeberFangen wir mit einer kleinen Reflexion an. Überlegt einmal kurz für euch: Habt ihr schon einmal einen Unfall oder einen Notfall erlebt? Wart ihr selbst an der Hilfe beteiligt, oder habt ihr eher im Hintergrund gestanden? Und wie ging es euch dabei? … Viele Menschen erzählen, dass sie in so einem Moment wie erstarrt waren. Sie wussten nicht, was sie tun sollten, oder hatten Angst, etwas falsch zu machen. Das ist ganz normal. Genau deshalb lernen wir heute feste Abläufe. Wer einen Plan im Kopf hat, handelt im Ernstfall ruhiger.
Frau WeberUnd merkt euch schon jetzt den wichtigsten Satz der ganzen Stunde: Der einzige wirkliche Fehler in der Ersten Hilfe ist, nichts zu tun.
Frau WeberDamit kommen wir zum zweiten Teil: Erste Hilfe vor Ort. Zuerst zur Frage: Muss ich überhaupt helfen? Die Antwort ist: Ja. In Deutschland gibt es dazu zwei wichtige Gesetze. Das erste ist die Straßenverkehrsordnung, Paragraf vierunddreißig. Dort steht: Wer an einem Verkehrsunfall beteiligt ist, muss sofort anhalten, sich um die Folgen kümmern, den Verkehr sichern und den Verletzten helfen.
Frau WeberDas zweite Gesetz gilt für alle Menschen, nicht nur für Unfallbeteiligte. Es ist das Strafgesetzbuch, Paragraf dreihundertdreiundzwanzig c, „Unterlassene Hilfeleistung“. Vereinfacht steht dort: Wer bei einem Unglücksfall nicht hilft, obwohl Hilfe nötig ist und ihm zugemutet werden kann, kann bestraft werden, mit einer Geldstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Jeder ist also verpflichtet, in Unfall- und Notfallsituationen Erste Hilfe zu leisten.
Frau WeberDas Gesetz nennt aber auch Grenzen. Die erste Grenze lautet: „den Umständen nach zuzumuten“. Das heißt: Es muss euch körperlich möglich sein zu helfen. Einschränkungen können zum Beispiel durch das Alter, eine Krankheit oder eine schlechte körperliche Verfassung entstehen. Aber Achtung: Das ist keine Erlaubnis zum Nichtstun. Einen Notruf kann fast jeder absetzen.
Frau WeberDie zweite Grenze lautet: „ohne erhebliche eigene Gefahr“. Ihr müsst euch nicht selbst in Lebensgefahr bringen. Erhebliche Gefahren sind Gefahren für Leben und Gesundheit, zum Beispiel ein brennendes Auto oder eine Stromleitung. Kleine Risiken, zum Beispiel Glassplitter an der Unfallstelle, sind aber zumutbar. Die müsst ihr in Kauf nehmen.
Frau WeberDie dritte Grenze lautet: „ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten“. Damit ist zum Beispiel gemeint: Ihr habt kleine Kinder oder hilfsbedürftige Menschen dabei, auf die ihr aufpassen müsst. Dann dürft ihr sie nicht einfach allein lassen. Aber auch hier gilt: Ihr dürft nicht einfach weggehen, sondern müsst auf andere Weise helfen, zum Beispiel indem ihr den Notruf wählt oder andere Menschen um Hilfe bittet.
Frau WeberFür euch als Pflegende gilt noch etwas mehr. Im Dienst seid ihr für eure Patienten verantwortlich. Und auch in der Freizeit erwartet man von euch, dass ihr so helft, wie es eurem Wissen entspricht. Deshalb ist regelmäßige Fortbildung in Erster Hilfe für euch so wichtig.
Frau WeberKommen wir zur Kontaktaufnahme mit Betroffenen. Wenn ihr zu einem Menschen kommt, der am Boden liegt, macht ihr zuerst drei Dinge. Man nennt sie die drei A: Ansprechen, Anfassen, Atmung prüfen. Ihr sprecht den Menschen laut an. Reagiert er nicht, fasst ihr ihn an den Schultern an und schüttelt ihn vorsichtig. Und dann prüft ihr die Atmung.
Frau WeberReagiert der Mensch, geht es so weiter: Ihr nennt euren eigenen Namen. Ihr fragt: „Was fehlt Ihnen?“ Je nachdem, was er sagt, bringt ihr ihn in eine passende Position. Dazu kommen wir später noch. Ihr fragt nach seinem Namen und bleibt mit ihm im Gespräch. So merkt ihr auch schnell, wenn sich sein Zustand verschlechtert.
Frau WeberFür den Umgang mit Betroffenen gibt es einige Grundsätze. Sprecht mit einer ruhigen, eher tiefen Stimme. Kündigt jede Maßnahme vorher an, zum Beispiel: „Ich lege Ihnen jetzt eine Decke über.“ Sucht vorsichtig Körperkontakt, zum Beispiel eine Hand auf die Schulter, wenn der Mensch das möchte. Das gibt Sicherheit. Nehmt alle Aussagen ernst. Bleibt bei dem Menschen und lasst ihn nicht allein. Und schirmt ihn vor Zuschauern ab. Neugierige Blicke sind für Verletzte sehr unangenehm.
Frau WeberJetzt zur Rettungskette. Die Rettungskette zeigt, wie die Hilfe für einen Notfallpatienten abläuft, von der Unfallstelle bis ins Krankenhaus. Nach dem Deutschen Roten Kreuz hat sie fünf Glieder. Erstes Glied: Sofortmaßnahmen, also zum Beispiel die Unfallstelle absichern, einen Menschen aus der Gefahr retten oder mit der Wiederbelebung beginnen. Zweites Glied: der Notruf. Drittes Glied: weitere Erste Hilfe, zum Beispiel Wunden versorgen, den Menschen betreuen und warm halten. Viertes Glied: der Rettungsdienst. Und fünftes Glied: die Versorgung im Krankenhaus.
Frau WeberWarum spricht man von einer Kette? Weil eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Die ersten drei Glieder liegen in der Hand der Ersthelfer, also auch in eurer. Wenn diese Glieder schwach sind, kann auch das beste Krankenhaus oft nicht mehr viel retten. Oder anders gesagt: Je besser eure Erste Hilfe ist, desto besser sind die Aussichten auf Heilung.
Frau WeberKommen wir zum Notruf. Die Notrufnummer in Deutschland und in der ganzen Europäischen Union ist die eins-eins-zwei. Diese Nummer könnt ihr kostenlos vom Handy und vom Festnetz anrufen. Über die eins-eins-zwei erreicht ihr die Leitstelle für Rettungsdienst und Feuerwehr.
Frau WeberWas sagt ihr beim Notruf? Viele kennen die fünf W-Fragen: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele Betroffene gibt es? Welche Verletzungen oder Beschwerden haben sie? Und: Warten auf Rückfragen. Dazu ein wichtiger Hinweis: Die fünf W-Fragen sind eher ein Richtwert. Wichtig ist, dass ihr einen Überblick habt und die Fragen der Leitstelle beantworten könnt. Die Leitstelle führt euch durch das Gespräch. Das Wichtigste ist der Ort. Und ganz wichtig: Legt nicht selbst auf. Die Leitstelle beendet das Gespräch.
Frau WeberJetzt zur eigenen Sicherheit. Beim Verkehrsunfall ist das Absichern der Unfallstelle die erste Maßnahme. Warum? Weil nachfolgende Fahrzeuge die Unfallstelle sonst vielleicht zu spät erkennen und ungebremst auffahren. Dann besteht Lebensgefahr, für die Verletzten und für die Helfer.
Frau WeberWie sichert ihr die Unfallstelle ab? Erstens: Warnblinklicht am eigenen Auto einschalten. Das eigene Auto stellt ihr mit Abstand vor der Unfallstelle ab. Zweitens: Warnweste anziehen, bevor ihr aussteigt. Gesetzlich muss mindestens eine Warnweste in jedem Auto sein. Empfohlen ist aber eine Warnweste für jede Person im Auto, damit alle sicher aussteigen können. Drittens: Warndreieck aufstellen, eines in jeder Fahrtrichtung, wenn der Verkehr aus beiden Richtungen kommt. Eventuell kommt noch eine Warnlampe dazu. Und viertens können weitere Helfer mit Warnweste am Fahrbahnrand Handzeichen geben, damit die anderen Autos langsamer fahren.
Frau WeberWie weit stellt ihr das Warndreieck auf? Es gibt Richtwerte: in der Stadt etwa fünfzig Meter, auf der Landstraße etwa hundert Meter und auf der Autobahn etwa zweihundert Meter vor der Unfallstelle. Liegt die Unfallstelle hinter einer Kurve oder einer Kuppe, stellt ihr das Warndreieck vor der Kurve auf, damit die Autofahrer früh gewarnt werden. Oft werden etwa zweihundert Meter Abstand vor einer Kurve genannt. Tragt das Warndreieck beim Gehen gut sichtbar vor euch her und lauft möglichst hinter der Leitplanke oder am äußersten Rand.
Frau WeberManchmal kommt auch ein Rettungshubschrauber. Auch hier gibt es Sicherheitsregeln. Es dürfen keine losen Gegenstände herumliegen, denn der Luftstrom der Rotoren wirbelt alles auf. Hebt nichts über den Kopf. Nicht rauchen und kein offenes Feuer. Hunde und Kinder müsst ihr festhalten und sichern. Und ganz wichtig: Nähert euch dem Hubschrauber nur im Blickfeld des Piloten und nur dann, wenn ihr dazu aufgefordert werdet.
Frau WeberManchmal muss ein Mensch schnell aus einer Gefahrenzone gebracht werden, zum Beispiel aus einem Auto, das zu brennen droht, oder von einer befahrenen Straße. Dafür gibt es den Rettungsgriff nach Rautek. Ich beschreibe euch den Ablauf.
Frau WeberIhr stellt euch hinter den Menschen, der am Boden liegt. Ihr fasst unter seinen Nacken und seine Schultern und setzt ihn auf. Dabei stützt ihr den Kopf mit euren Armen ab, damit die Halswirbelsäule möglichst wenig bewegt wird. Dann greift ihr von hinten unter beiden Achseln hindurch und legt einen seiner Unterarme quer vor seine Brust. Diesen Unterarm fasst ihr mit beiden Händen von oben, und zwar so, dass alle Finger und auch die Daumen oben liegen. So drückt ihr nicht mit den Daumen in seine Rippen. Nun zieht ihr ihn hoch, schiebt dabei ein Bein unter sein Gesäß und zieht ihn rückwärts aus der Gefahrenzone.
Frau WeberDen Rautekgriff solltet ihr unbedingt praktisch üben. Er klingt kompliziert, ist mit etwas Übung aber gut machbar. Und merkt euch: Den Rautekgriff nutzt man nur bei akuter Gefahr. Ohne Gefahr bewegt ihr einen Verletzten möglichst wenig.
Frau WeberKommen wir zum dritten Teil: Maßnahmen bei Bewusstlosigkeit. Wie findet ihr heraus, ob ein Mensch bewusstlos ist? Ihr sprecht ihn laut an. Ihr fasst ihn an, zum Beispiel an der Schulter, und schüttelt ihn vorsichtig. Manchmal liest man außerdem, dass man einen Schmerzreiz setzen kann, zum Beispiel durch Kneifen in die empfindliche Haut an der Innenseite des Oberarms. Für Ersthelfer empfehlen die aktuellen Leitlinien den Schmerzreiz aber nicht mehr. Reagiert der Mensch auf lautes Ansprechen und vorsichtiges Schütteln nicht, geht ihr davon aus, dass er bewusstlos ist.
Frau WeberBleibt der Mensch ohne Reaktion, ruft ihr laut um Hilfe. Ihr selbst oder ein anderer Helfer setzt sofort den Notruf ab. Dann prüft ihr die Atmung. Dazu macht ihr zuerst die Atemwege frei: Ihr legt eine Hand auf die Stirn und neigt den Kopf vorsichtig nach hinten. Mit zwei Fingern der anderen Hand hebt ihr das Kinn an. Dann prüft ihr höchstens zehn Sekunden lang, ob der Mensch normal atmet. Ihr schaut, ob sich der Brustkorb hebt, und hört und fühlt am Mund, ob Luft kommt.
Frau WeberJetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Der Mensch atmet normal. Dann bringt ihr ihn in die stabile Seitenlage. Zweitens: Der Mensch atmet nicht oder nicht normal, zum Beispiel nur mit einzelnen schnappenden Atemzügen. Dann müsst ihr von einem Herz-Kreislauf-Stillstand ausgehen und sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen. Wie die Wiederbelebung genau geht, lernt ihr in einer eigenen Einheit.
Frau WeberWarum ist die stabile Seitenlage so wichtig? Ein bewusstloser Mensch hat keine Schutzreflexe mehr. Er kann nicht mehr husten oder schlucken. In Rückenlage kann die Zunge nach hinten in den Rachen fallen und die Atemwege verschließen. Außerdem kann Erbrochenes oder Blut in die Lunge laufen, und der Mensch kann daran ersticken. Wenn man nur den Kopf in Rückenlage nach hinten neigt, reicht das nicht. Der Kopf rutscht zurück, sobald ihr loslasst, und Erbrochenes kann trotzdem in die Luftröhre laufen.
Frau WeberIn der stabilen Seitenlage ist das anders. Der Kopf bleibt nach hinten geneigt, dadurch bleiben die Atemwege frei, und die Zunge kann nicht zurückfallen. Der Kopf liegt auf der Hand des Menschen und kann nicht zurückrutschen. Und der Mund ist die tiefste Stelle des Körpers. So kann Erbrochenes nach außen ablaufen, statt in die Lunge zu laufen.
Frau WeberJetzt zur Durchführung. Es gibt eine ältere Variante der stabilen Seitenlage. Heute lehren der Europäische Rat für Wiederbelebung und die Hilfsorganisationen eine etwas andere Variante, die einfacher ist. Ich erkläre euch die aktuelle Variante. Das Ziel ist bei beiden gleich: freie Atemwege, und der Mund ist die tiefste Stelle.
Frau WeberErstens: Ihr kniet seitlich neben dem Menschen, der auf dem Rücken liegt. Seine Beine sind gestreckt. Zweitens: Den Arm, der euch am nächsten ist, legt ihr im rechten Winkel nach oben, mit der Handfläche nach oben. Drittens: Den anderen Arm führt ihr über die Brust und legt den Handrücken an seine Wange, die euch zugewandt ist. Diese Hand haltet ihr dort fest. Viertens: Mit der anderen Hand greift ihr das Bein, das von euch weg liegt, knapp oberhalb des Knies und stellt es auf, so dass der Fuß auf dem Boden steht.
Frau WeberFünftens: Jetzt zieht ihr an diesem aufgestellten Bein und dreht den Menschen zu euch herüber auf die Seite. Seine Hand bleibt dabei an seiner Wange. Sechstens: Das oben liegende Bein legt ihr so hin, dass Hüfte und Knie im rechten Winkel gebeugt sind. So kann der Mensch nicht nach vorne kippen. Siebtens: Ihr neigt den Kopf leicht nach hinten, damit die Atemwege frei bleiben. Und ihr öffnet den Mund leicht. Der Mund zeigt zum Boden. Die Hand unter der Wange hält den Kopf in dieser Position.
Frau WeberUnd dann ganz wichtig: Deckt den Menschen zu, damit er nicht auskühlt, bleibt bei ihm und kontrolliert regelmäßig seine Atmung, bis der Rettungsdienst kommt. Atmet er nicht mehr normal, dreht ihr ihn sofort auf den Rücken, und ihr beginnt mit der Wiederbelebung.
Frau WeberMerksatz: Der Mund muss immer die tiefste Stelle des Körpers sein und offen bleiben. Noch zwei wichtige Hinweise. Erstens: Die stabile Seitenlage geht ohne Hilfsmittel immer und überall und kann einem Bewusstlosen das Leben retten. Zweitens: Auch Verletzungen sind kein Grund, auf die stabile Seitenlage zu verzichten. Denn freie Atemwege sind wichtiger als alles andere. Man lässt sie nur dann weg, wenn sich der Mensch dagegen wehrt oder dabei deutlich zeigt, dass er Schmerzen hat. Dann ist er meistens auch nicht bewusstlos.
Frau WeberKommen wir zum vierten großen Teil: dem Schock. Zuerst die Definition. Ein Schock ist ein Kreislaufversagen im ganzen Körper. Der Körper kann den Blutbedarf einzelner oder aller Organe nicht mehr decken. Dadurch fehlt den Organen Sauerstoff. Ein Schock kann zu Bewusstlosigkeit führen, aber auch zum Versagen von Organen, zum Beispiel der Nieren, und damit zum Tod.
Frau WeberGemeint ist hier also nicht der seelische Schock, den man umgangssprachlich meint, wenn jemand erschrocken ist. Gemeint ist ein lebensgefährlicher Zustand des Kreislaufs. Deshalb gilt ganz deutlich: Jeder Schock bedeutet höchste Lebensgefahr!
Frau WeberWarum wird ein Schock oft immer schlimmer? Das erklärt die sogenannte Schockspirale. Der Fachbegriff heißt Circulus vitiosus, das bedeutet Teufelskreis. Der Körper versucht, das Blut für die wichtigsten Organe zu sparen. Die Gefäße in Armen, Beinen und Haut ziehen sich zusammen, und das Herz schlägt schneller. Das hilft eine Zeit lang. Aber die schlecht durchbluteten Gewebe bekommen zu wenig Sauerstoff und werden geschädigt. Dadurch wird der Kreislauf noch schwächer, und der Schock verstärkt sich weiter. Deshalb ist es so wichtig, früh zu handeln.
Frau WeberAn welchen Leitsymptomen erkennt ihr einen Schock? Erstens: Der Mensch hat Angst, ist unruhig oder hat Schwindel. Zweitens: Das Bewusstsein ist eingeschränkt. Er ist teilnahmslos, verwirrt, benommen oder sogar bewusstlos. Drittens: Der Puls ist schnell, über hundert Schläge pro Minute, und wird immer schwächer, bis er kaum noch zu tasten ist. Viertens: Der Blutdruck sinkt. Oft wird ein oberer, also systolischer Wert unter achtzig Millimeter Quecksilbersäule genannt.
Frau WeberFünftens: Die Haut ist kalt, blass oder sogar bläulich. Auf der Stirn steht feiner, perlender Schweiß, und der Mensch friert. Sechstens: Die Atmung ist schnell oder erschwert. Und siebtens: Der Mensch scheidet weniger Urin aus. Merkt euch dazu einen Hinweis: Ein Schock ist wahrscheinlich, wenn der Mensch kalten, klebrigen, feinperligen Schweiß hat, dazu einen schnellen Puls und teilnahmslos wirkt.
Frau WeberEs gibt eine einfache Rechnung, die beim Schock durch Volumenmangel hilft: den Schockindex. Ihr teilt den Puls durch den oberen Blutdruckwert. Ein Beispiel: Der Puls ist siebzig pro Minute, der Blutdruck hundertvierzig zu achtzig. Dann rechnet ihr siebzig geteilt durch hundertvierzig. Das ergibt null Komma fünf. Beim gesunden Menschen liegt der Schockindex üblicherweise zwischen null Komma vier und null Komma sieben.
Frau WeberZweites Beispiel: Der Puls ist hundertvierzig pro Minute, der Blutdruck achtzig zu fünfzig. Jetzt rechnet ihr hundertvierzig geteilt durch achtzig. Das ergibt eins Komma fünfundsiebzig. Ein Schockindex über eins bedeutet: Es liegt ein manifester, also ein deutlicher Schock vor. Merkhilfe: Ist der Puls höher als der obere Blutdruckwert, ist das ein Alarmzeichen.
Frau WeberJetzt zu den Schockarten. Man unterscheidet vier Hauptformen. Ich stelle euch die Einteilung so vor, wie sie in der Fachliteratur üblich ist.
Frau WeberErstens: der hypovolämische Schock. „Hypo“ heißt zu wenig, „Volämie“ bezieht sich auf das Blutvolumen. Hier fehlt dem Körper viel Flüssigkeit, zum Beispiel durch eine starke Blutung, durch starkes Erbrechen, Durchfall oder großflächige Verbrennungen. Das Herz hat dann zu wenig Blut zum Pumpen.
Frau WeberZweitens: der kardiogene Schock. „Kardiogen“ heißt: vom Herzen ausgehend. Hier versagt das Herz als Pumpe. Ursachen sind zum Beispiel ein akuter Herzinfarkt, schwere Herzrhythmusstörungen oder eine plötzlich verschlechterte Herzschwäche.
Frau WeberDrittens: der obstruktive Schock. „Obstruktiv“ heißt: versperrt. Der Blutfluss ist an einer Stelle des Kreislaufs so stark eingeengt, dass der ganze Kreislauf beeinträchtigt ist. Ein Beispiel ist eine große Lungenembolie, also ein Blutgerinnsel, das die Lungenarterie verstopft.
Frau WeberViertens: der distributive Schock. „Distributiv“ heißt: die Verteilung betreffend. Hier ist eigentlich genug Blut da, und das Herz pumpt ausreichend. Aber das Blut ist falsch verteilt. Die kleinen Gefäße weiten sich stark, und die Durchblutung in den feinsten Gefäßen, den Kapillaren, bricht zusammen. Deshalb wird das Gewebe trotzdem nicht mit genug Sauerstoff versorgt.
Frau WeberZum distributiven Schock gehören mehrere Unterformen. Der septische Schock entsteht durch eine schwere Infektion, eine Blutvergiftung. Der anaphylaktische Schock entsteht durch eine schwere allergische Reaktion, zum Beispiel nach einem Wespenstich oder durch ein Medikament. Der neurogene Schock entsteht durch eine Störung des Nervensystems, zum Beispiel nach einer Rückenmarksverletzung. Manchmal wird hier außerdem der orthostatische Schock genannt. Das ist ein Kreislaufversagen beim Aufstehen, wenn das Blut in die Beine sackt. Merkt euch also: Septisch, anaphylaktisch und neurogen gehören zum distributiven Schock, nicht zum obstruktiven.
Frau WeberMerkhilfe für die vier Hauptformen: zu wenig Blut, das ist hypovolämisch. Die Pumpe versagt, das ist kardiogen. Der Weg ist versperrt, das ist obstruktiv. Und das Blut ist falsch verteilt, das ist distributiv.
Frau WeberWas tut ihr als Ersthelfer bei einem Schock? Die Erstmaßnahmen hängen vom Zustand des Menschen ab. Bei allen gilt: Notruf absetzen. Und dann: Hat der Mensch keine ausreichende Atmung oder einen Kreislaufstillstand, beginnt ihr mit der Wiederbelebung.
Frau WeberBlutet der Mensch stark, dann stillt ihr zuerst die Blutung. Zum Beispiel drückt ihr direkt auf die Wunde oder legt einen Druckverband an. Denn damit bekämpft ihr die Ursache des Schocks.
Frau WeberIst der Mensch bei Bewusstsein und atmet ausreichend, dann kann bei einem Schock durch Volumenmangel die sogenannte Autotransfusionslage helfen. Dabei liegt der Mensch flach auf dem Rücken, und ihr lagert seine Beine schräg nach oben, zum Beispiel indem ihr etwas unter die Beine legt. So fließt Blut aus den Beinvenen zurück in den Körperkreislauf und hilft, den Blutdruck zu halten. Beachtet aber: Die Beine sollen nicht mehr als fünfundvierzig Grad angehoben werden, weil sonst die Atmung erschwert werden kann.
Frau WeberUnd jetzt eine ganz wichtige Ausnahme: Die Beine hochzulagern ist nicht für jeden Schock richtig. Bei einem kardiogenen Schock ist das Herz schon überlastet. Mehr Blut, das zum Herzen zurückfließt, würde es noch mehr belasten. Auch bei Atemnot und bei Verletzungen an Kopf, Wirbelsäule, Becken oder Beinen hebt man die Beine nicht an.
Frau WeberBei Verdacht auf einen kardiogenen Schock gilt deshalb die Herzbettlagerung, wenn der obere Blutdruckwert über hundert Millimeter Quecksilbersäule liegt. Dabei wird der Oberkörper um dreißig bis fünfundvierzig Grad hochgelagert, und die Beine werden gleichzeitig nach unten gelagert. So wird das Herz entlastet, und das Atmen fällt leichter.
Frau WeberIst der Mensch bewusstlos, atmet aber selbstständig, dann bringt ihr ihn in die stabile Seitenlage. Bei allen Schockpatienten gilt außerdem: Deckt sie zu, damit sie nicht auskühlen. Beruhigt sie, bleibt bei ihnen und kontrolliert immer wieder Bewusstsein und Atmung. Gebt ihnen nichts zu essen oder zu trinken.
Frau WeberKommen wir zum fünften Teil: den örtlichen Besonderheiten. Zuerst noch einmal etwas, das für alle Orte gilt: Notfälle haben meist Vorboten. Wer diese Warnzeichen früh erkennt, kann einen Notfall oft verhindern. Es gibt eine Liste mit auffälligen Zeichen, die ihr ernst nehmen müsst.
Frau WeberErstens: ein bedrohter Atemweg. Der Mensch hat zum Beispiel ein Kloßgefühl im Hals, eine kloßige Sprache oder eine pfeifende Atmung. Zweitens: eine Atemfrequenz unter sechs oder über dreißig pro Minute. Drittens: eine Herzfrequenz unter vierzig oder über hundertvierzig pro Minute. Viertens: ein oberer Blutdruckwert unter neunzig Millimeter Quecksilbersäule. Fünftens: ein hoher Blutdruck mit Begleitbeschwerden wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schwindel.
Frau WeberSechstens: eine unerwartete Verschlechterung des Bewusstseins. Siebtens: eine unerklärliche Unruhe. Achtens: ein epileptischer Anfall. Und neuntens: ein deutlicher Rückgang der Urinausscheidung. Außerdem ein ganz wichtiger Satz: Eine besondere Bedeutung hat euer eigenes Bauchgefühl. Wenn ihr euch Sorgen um einen Menschen macht, auch ohne klare Gründe zu finden, dann nehmt das immer ernst und informiert das Team.
Frau WeberJetzt zum privaten Bereich. Auch zu Hause, in der Familie oder auf der Straße können Notfälle passieren. Auch hier kommt es auf eine gute Beobachtung, eine schnelle Einschätzung und die richtigen Sofortmaßnahmen an. Als Pflegeauszubildende und angehende Pflegefachkräfte habt ihr eine besondere Verantwortung. Ihr leistet Erste Hilfe so, wie es euren Fähigkeiten entspricht. Und im privaten Bereich habt ihr meistens keine Geräte und keine Kollegen dabei. Deshalb sind hier der Notruf, die stabile Seitenlage und die Wiederbelebung so wichtig.
Frau WeberWenn ihr zu Hause einen Menschen reglos auffindet, geht ihr genauso vor wie gelernt: auf die eigene Sicherheit achten, ansprechen, anfassen, Atmung prüfen, Notruf absetzen. Dann atmet er entweder normal, und ihr bringt ihn in die stabile Seitenlage. Oder er atmet nicht normal, und ihr beginnt mit der Wiederbelebung.
Frau WeberUnd auf Station? Im Krankenhaus liegen Menschen mit gesundheitlichen Risiken. Deshalb sind Notfälle dort keine Seltenheit. Der Vorteil ist: Im Krankenhaus ist jederzeit kompetentes Personal da. Die Chance auf schnelle, fachkundige Hilfe ist deshalb viel größer als zu Hause.
Frau WeberDie Notfallausstattung einer Normalstation muss an einem gut zugänglichen Platz stehen. Bewährt haben sich Notfallwagen, Notfallkoffer oder Notfallrucksäcke, die man schnell in ein Zimmer bringen kann. Die Ausstattung muss regelmäßig überprüft werden. Und jetzt ein Satz, den ihr euch gut merken solltet: Jeder Mitarbeiter, also auch ihr als Auszubildende, muss sich über die üblichen Abläufe auf der Station informieren, bevor ein Notfall eintritt. Also: Wo steht der Notfallwagen? Wie lautet die interne Notrufnummer? Wer kommt, wenn ich sie wähle?
Frau WeberIm Krankenhaus gibt es außerdem Maßnahmen, die über die Erste Hilfe hinausgehen. Dazu gehören das Legen eines Venenzugangs, die Gabe von Sauerstoff und bei unzureichender Atmung eine Beatmung mit dem Beutel oder mit einem Gerät. Dazu gehört auch die fortlaufende Überwachung von Bewusstsein, Atmung, Puls, Blutdruck und Haut, zum Beispiel auf eine bläuliche Verfärbung. Und wenn nötig wird der Patient möglichst schnell auf die Intensivstation verlegt. Diese Maßnahmen führen Ärzte oder geschulte Pflegefachkräfte nach ärztlicher Anordnung und nach den Standards des Hauses durch. Als Auszubildende unterstützt ihr dabei unter Anleitung.
Frau WeberZum Schluss noch ein paar Fragen zum Nachdenken. Habt ihr schon einmal einen Notfall auf Station erlebt? Wie wird in eurer Praxis mit dem Thema umgegangen? Habt ihr aus euren Erfahrungen etwas gelernt, und was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen? Und eine wichtige Frage: Manchmal sind lebensrettende Maßnahmen gar nicht erwünscht. Manche Menschen haben vorher gemeinsam mit dem Arzt festgelegt, dass sie keine Wiederbelebung möchten. Dann steht das in der Patientenakte. Informiert euch zu Beginn jeder Schicht, bei welchen Patienten so eine Festlegung besteht. Wenn ihr unsicher seid, beginnt ihr im Notfall mit der Wiederbelebung.
Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Jeder ist verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten, soweit es zumutbar ist. Ein Notruf ist fast immer möglich. Beim ersten Kontakt gelten die drei A: Ansprechen, Anfassen, Atmung prüfen. Die Rettungskette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Beim Notruf über eins-eins-zwei ist der Ort am wichtigsten, und ihr legt nicht selbst auf. Beim Verkehrsunfall kommt zuerst die Absicherung der Unfallstelle.
Frau WeberEin bewusstloser Mensch, der normal atmet, kommt in die stabile Seitenlage. Der Mund ist dabei die tiefste Stelle. Ein bewusstloser Mensch, der nicht normal atmet, braucht sofort eine Wiederbelebung. Jeder Schock ist lebensgefährlich. Es gibt vier Hauptformen: hypovolämisch, kardiogen, obstruktiv und distributiv. Ein Schockindex über eins zeigt einen deutlichen Schock. Die Beine hebt man nur bei Volumenmangel an, höchstens um fünfundvierzig Grad. Bei Verdacht auf einen Schock vom Herzen gilt die Herzbettlagerung. Und nehmt Vorboten und euer Bauchgefühl immer ernst.
Frau WeberVielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!
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