Pflege von Menschen mit Depressionen
Pflege von Menschen mit Depressionen: kostenloses Lern-Audio (30 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript.
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Transkript
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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber, und bei mir ist Lena, eine Auszubildende. Heute geht es um die Pflege von Menschen mit Depressionen. Ein wichtiger Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung und nicht die Standards eurer Einrichtung. Und falls ihr beim Zuhören merkt, dass es euch selbst schon länger nicht gut geht: Holt euch Hilfe, zum Beispiel bei eurer Hausärztin. In akuten Krisen erreicht ihr die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter null achthundert, eins eins eins, null eins eins eins.
LenaHallo! Ich finde das Thema wichtig. Man hört ja oft, dass Depressionen eine Volkskrankheit sind.
Frau WeberJa, das stimmt. Und genau deshalb begegnen euch depressive Menschen nicht nur in der Psychiatrie, sondern überall: auf der Inneren, in der Chirurgie, im Pflegeheim und in der ambulanten Pflege. Wir gehen heute so vor: Zuerst klären wir, was eine Depression ist und wie häufig sie vorkommt. Dann schauen wir auf die Ursachen und die Symptome. Danach geht es um die Behandlung. Und zum Schluss um ein sehr wichtiges Thema: das Erkennen von Suizidgefahr und was ihr als Pflegende tun könnt.
Frau WeberFangen wir mit einem wichtigen Punkt an. Viele depressive Menschen achten vor allem auf ihre körperlichen Beschwerden. Sie vermuten eine organische Ursache und werden deshalb zuerst in den körperlichen Fächern behandelt. Viele haben auch Schwierigkeiten, über seelische Beschwerden zu sprechen. Und leider wird eine Depression manchmal sogar von Fachleuten nicht als Krankheit gesehen, sondern als Willensschwäche abgewertet. Das ist falsch. Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, genau wie Diabetes oder Bluthochdruck. Deshalb ist es so wichtig, dass auch Pflegende in den körperlichen Fächern eine Depression erkennen können.
Frau WeberJeder kennt das normale Auf und Ab der Gefühle. Wir sind mal fröhlich, mal traurig, und nach einer Trennung oder dem Tod eines geliebten Menschen sind wir niedergeschlagen. Das ist normal und noch keine Krankheit. Eine Depression ist etwas anderes. Sie hält länger an, sie ist tiefer, und sie beeinträchtigt das ganze Leben.
Frau WeberDie Depression gehört zu den affektiven Störungen. Affekt bedeutet hier die Grundstimmung. Bei affektiven Störungen ist die Stimmung krankhaft verändert, und oft auch der Antrieb. Man unterscheidet dabei zwei große Formen: die unipolare und die bipolare Störung.
LenaUnipolar heißt doch, dass es nur eine einzige depressive Phase gibt, oder?
Frau WeberDas ist ein häufiges Missverständnis, Lena, und man liest es leider auch immer wieder. Richtig ist: „Uni“ heißt „eins“, und „polar“ bezieht sich auf die Pole der Stimmung. Unipolar heißt, dass es nur einen Pol gibt, nämlich die Depression. Der Mensch hat depressive Phasen, aber keine Phasen mit krankhaft gehobener Stimmung. Diese depressiven Phasen können einmal auftreten oder sich wiederholen. Bipolar heißt dagegen, dass es zwei Pole gibt: Der Mensch hat im Wechsel depressive Phasen und Phasen mit einer Manie, also einer krankhaft gehobenen, oft gereizten Stimmung mit viel zu viel Antrieb.
Frau WeberBei der unipolaren Depression spricht man bei einer einzelnen Phase von einer depressiven Episode. Wenn sich die Episoden wiederholen, lautet die Diagnose rezidivierende depressive Störung. „Rezidivierend“ heißt wiederkehrend.
Frau WeberWoran kann man eine Depression erkennen? Es gibt einige Hinweise. Man kann eine Depression vermuten, wenn ein Mensch über längere Zeit traurig und niedergeschlagen ist und sich auch kurz nicht ablenken kann. Wenn er von einer quälenden inneren Leere spricht und sich in seinem ganzen Leben stark beeinträchtigt fühlt. Wenn ihm alltägliche Aufgaben schwerfallen. Und wenn er von Selbstzweifeln und Desinteresse spricht. Oft kommen hartnäckige körperliche Beschwerden dazu, zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen. Bei vielen stehen diese körperlichen Beschwerden sogar im Vordergrund. Und auch grundlose Schuldgefühle können ein wichtiges Zeichen sein.
LenaWie häufig sind Depressionen denn?
Frau WeberSehr häufig. Nach der Weltgesundheitsorganisation gehört die Depression zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und zu den wichtigsten Ursachen für Behinderung weltweit. Oft liest man noch eine ältere Zahl von einhunderteinundzwanzig Millionen Betroffenen. Nach neueren Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind es heute weltweit rund zweihundertachtzig Millionen Menschen.
Frau WeberFür Deutschland gilt: Etwa jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens einmal an einer Depression. Manchmal liest man, dass zwanzig Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Gemeint ist aber dieses Lebenszeitrisiko. Innerhalb eines Jahres sind etwa acht Prozent der Erwachsenen betroffen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Die Nationale Versorgungsleitlinie nennt dazu Zahlen: Innerhalb eines Jahres haben etwa zehn Komma sechs Prozent der Frauen und vier Komma acht Prozent der Männer eine unipolare Depression. Eine Depression kann in jedem Alter beginnen. Sehr oft beginnt sie schon im jungen Erwachsenenalter. Und etwa die Hälfte der Betroffenen erkrankt später erneut.
Frau WeberIm höheren Lebensalter ist die Depression die häufigste psychische Störung. Oft kommt sie zusammen mit körperlichen Erkrankungen vor. Die Suizidrate, also die Zahl der Selbsttötungen, steigt mit dem Alter und ist bei hochbetagten Menschen am höchsten. Besonders im Alter spielen dabei Lebenserfahrungen, körperliche Krankheiten und soziale Faktoren zusammen, zum Beispiel Armut, der Tod des Partners, Einsamkeit und der Verlust von Ansehen und Aufgaben.
Frau WeberOft wird auch das sogenannte Burnout-Syndrom erwähnt. Damit ist ein Zustand der Erschöpfung gemeint, der nach langer beruflicher Überlastung entsteht. Typisch sind Energieverlust, verminderte Leistungsfähigkeit, Gleichgültigkeit, Zynismus und Unlust, oft nach vielen Jahren mit sehr hohem Einsatz. Wichtig zu wissen: Burnout ist keine eigene medizinische Diagnose wie die Depression. Aber ein Burnout kann in eine Depression übergehen, und die Beschwerden überschneiden sich stark. Deshalb sollte ein Arzt abklären, ob eine behandlungsbedürftige Depression dahintersteckt. Und wichtig: Auch die Arbeit im Haushalt und in der Familie kann eine große Belastung sein.
Frau WeberKommen wir zu den Ursachen. Eine Depression hat fast nie nur eine Ursache. Es ist ein Zusammenspiel aus biologischer Veranlagung, persönlicher Entwicklung und Lebensereignissen. Wer eine erhöhte Anfälligkeit hat, kann zum Beispiel durch dauernde Überforderung im Beruf, durch Probleme in der Beziehung oder durch den Tod eines nahestehenden Menschen an einer Depression erkranken.
Frau WeberAuf der biologischen Seite gibt es Hinweise auf eine erbliche Veranlagung. Außerdem zeigen sich bei manchen depressiven Menschen Veränderungen im Stoffwechsel des Gehirns. Die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, man nennt sie Neurotransmitter, spielen dabei eine wichtige Rolle für die Regulation der Gefühle. Auch körperliche Krankheiten können eine Depression auslösen, zum Beispiel eine Epilepsie oder Erkrankungen der Schilddrüse. Und manche Medikamente, zum Beispiel aus der Krebsbehandlung, können ebenfalls eine Depression auslösen.
Frau WeberAuf der psychologischen Seite spielen zum Beispiel negative Denkmuster eine Rolle, oder die Art, wie jemand mit Misserfolgen umgeht. Ein anderes Erklärungsmodell sagt: Wer wenig positive Erfahrungen als Reaktion auf sein Verhalten macht, zieht sich immer mehr zurück, und dadurch wird die Depression stärker. Auch Alkohol, Nikotin, Medikamente und andere Suchtmittel können die Psyche verändern und eine Depression begünstigen.
Frau WeberUnd der Zusammenhang mit dem Körper geht in beide Richtungen. Schwere körperliche Erkrankungen sind oft mit einer seelischen Belastung verbunden, die zu einer Depression werden kann. Umgekehrt hat eine Depression große Auswirkungen auf den Körper. Depressive Menschen haben ein erhöhtes Risiko für viele körperliche Erkrankungen. Deshalb gilt: Pflegende in der Somatik, also in den körperlichen Fächern, sollen für die Depression aufmerksam sein.
Frau WeberKommen wir zu den Symptomen. Für die Diagnose nutzt man in Deutschland die internationale Klassifikation der Krankheiten, kurz I C D. In der Version I C D zehn stehen die depressiven Episoden im Kapitel F zweiunddreißig. Und hier müsst ihr wieder gut aufpassen, denn manchmal liest man von sechs Hauptsymptomen. Das ist so nicht richtig. Nach der I C D zehn gibt es drei Hauptsymptome, man sagt auch Kernsymptome.
LenaWelche drei sind das?
Frau WeberErstens: eine gedrückte, depressive Stimmung. Zweitens: der Verlust von Interesse und Freude. Das heißt, der Mensch hat an nichts mehr Spaß, auch nicht an Dingen, die ihm früher wichtig waren. Drittens: eine Antriebsminderung. Der Mensch hat keine Energie, ist schnell erschöpft und kommt kaum noch in Gang. Schlafstörungen gehören nicht zu den Hauptsymptomen, sondern zu den Zusatzsymptomen. Und Ängste treten zwar oft zusammen mit einer Depression auf, gehören aber nicht zu diesen Kriterien.
Frau WeberDie gedrückte Stimmung beschreiben Betroffene ganz unterschiedlich. Manche sprechen von Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung. Andere beschreiben eher ein Gefühl der Gefühllosigkeit, als wäre innen alles leer und taub.
Frau WeberDazu kommen die Zusatzsymptome. Das sind: verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, ein vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, eine negative und pessimistische Sicht auf die Zukunft, Gedanken an Suizid, Selbstverletzungen oder Suizidversuche, Schlafstörungen und ein verminderter Appetit.
Frau WeberFür die Diagnose einer Depression müssen mindestens zwei der drei Hauptsymptome vorhanden sein, und zwar mindestens zwei Wochen lang. Wie viele Haupt- und Zusatzsymptome insgesamt vorliegen, bestimmt den Schweregrad: leicht, mittelgradig oder schwer. Bei einer schweren Depression sind alle drei Hauptsymptome da und dazu mehrere Zusatzsymptome. Die Diagnose stellt natürlich immer der Arzt oder die Psychotherapeutin. Aber ihr beobachtet diese Zeichen im Alltag oft als Erste.
Frau WeberUnd ein Satz ist ganz besonders wichtig: Bei allen Symptomen muss man auf akute Suizidalität und Suizidgedanken achten. Dazu kommen wir gleich ausführlich.
Frau WeberWie sehr leiden depressive Menschen? Dazu eine Zahl: Siebenundsiebzig Prozent der depressiven Menschen beschreiben ihr körperliches und ihr seelisches Befinden als schlecht bis sehr schlecht. Bei nicht depressiven Menschen sind es achtunddreißig Prozent beim körperlichen und siebzehn Prozent beim seelischen Befinden. Depressionen gehen also mit einem sehr hohen Leidensdruck einher, weil sie das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl ganz zentral beeinträchtigen.
Frau WeberKommen wir zur Behandlung. Weil eine Depression biologische und psychologische Ursachen hat, wird sie meistens auf beiden Ebenen behandelt: mit Medikamenten und mit Psychotherapie. Die Kombination beider Ansätze erhöht die Chance auf Erfolg. Bei einer leichten Depression kann auch Psychotherapie allein reichen. Das entscheidet der Arzt gemeinsam mit dem Patienten.
Frau WeberDie Medikamente gegen Depressionen heißen Antidepressiva. Sie beeinflussen das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn. Häufig eingesetzt werden die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, abgekürzt S S R I, und die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, abgekürzt S N R I. Daneben gibt es ältere Mittel wie die trizyklischen Antidepressiva und die M A O-Hemmer, außerdem Lithium und weitere Medikamente. Welches Medikament ein Patient bekommt, entscheidet der Arzt. Bei älteren Menschen ist zum Beispiel bei den trizyklischen Antidepressiva besondere Vorsicht nötig, weil sie mehr Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Mundtrockenheit oder Kreislaufprobleme haben.
Frau WeberAuch pflanzliche Mittel wie Johanniskraut werden eingesetzt. Aber Achtung: Johanniskraut ist nicht harmlos. Es hat Wechselwirkungen mit vielen anderen Medikamenten und kann zum Beispiel die Wirkung der Antibabypille oder mancher Herzmedikamente abschwächen. Auch das gehört deshalb in die Hand des Arztes.
LenaWie schnell wirken die Medikamente?
Frau WeberDas ist eine ganz wichtige Frage, denn hier brauchen die Patienten viel Geduld. Antidepressiva wirken nicht sofort. Bis die Stimmung sich bessert, vergehen meist zwei bis vier Wochen. Die Nebenwirkungen kommen dagegen oft schon am Anfang, zum Beispiel Müdigkeit, Übelkeit, Durchfall, Schwindel oder innere Unruhe. Sie werden meistens nach einiger Zeit besser. Für die Patienten ist das schwer: Sie spüren zuerst die Nebenwirkungen und noch nicht die Wirkung. Deshalb ist es eure Aufgabe, sie zu informieren und zu ermutigen, durchzuhalten. Ob ein Medikament nicht wirkt, kann man erst nach einigen Wochen bei ausreichender Dosis beurteilen.
Frau WeberUnd jetzt ein Punkt, den ihr euch unbedingt merken müsst. Am Anfang einer Behandlung bessert sich oft zuerst der Antrieb, und erst später die Stimmung. Das kann gefährlich sein. Ein Mensch, der sehr traurig ist und schon an Suizid gedacht hat, aber bisher keine Kraft hatte, etwas zu tun, bekommt plötzlich wieder mehr Energie. Deshalb kann die Suizidgefahr gerade in den ersten Wochen einer Behandlung steigen. In dieser Zeit müsst ihr besonders aufmerksam sein.
Frau WeberViele Patienten haben Angst, dass Antidepressiva abhängig machen. Dazu ganz klar: Das stimmt nicht. Antidepressiva machen nicht abhängig. Man braucht keine immer höhere Dosis, und die Wirkung lässt nicht nach, wie bei Suchtmitteln. Manche Menschen müssen ihre Medikamente aber sehr lange nehmen, ähnlich wie ein Mensch mit Diabetes seine Medikamente. Das ist keine Abhängigkeit.
Frau WeberAber: Man darf Antidepressiva nicht plötzlich absetzen. Wenn man sie abrupt weglässt, können Absetzbeschwerden auftreten, zum Beispiel Schwindel, Unruhe oder Schlafstörungen, und das Risiko für einen Rückfall steigt. Deshalb wird die Dosis am Ende langsam und nur nach Absprache mit dem Arzt verringert.
Frau WeberMan unterscheidet drei Phasen der Behandlung. Erstens die Akutbehandlung. Sie dauert, bis die depressiven Beschwerden fast ganz abgeklungen sind. Zweitens die Erhaltungstherapie. Sie soll den Zustand stabilisieren. Das Medikament wird dafür nach dem Abklingen der Beschwerden noch mindestens vier bis neun Monate weitergenommen. Das kann das Risiko für einen Rückfall deutlich senken. Und drittens die Rezidivprophylaxe, also die Vorbeugung weiterer Episoden, bei Menschen, die schon mehrere Episoden hatten.
Frau WeberDann die Psychotherapie. Sie hat heute einen festen Platz in der Behandlung. Häufig eingesetzt wird die kognitive Verhaltenstherapie. Sie geht davon aus, dass die Depression das Denken und Fühlen verändert, und hilft dem Menschen, ungünstige Denkmuster zu erkennen und neue Verhaltensweisen einzuüben. Eine weitere Form ist die interpersonelle Psychotherapie, kurz I P T. Sie setzt an den aktuellen Beziehungen und Lebensumständen an, zum Beispiel an einer neuen Rolle als Mutter oder als pflegender Angehöriger, an Veränderungen im Beruf oder an Konflikten in der Partnerschaft. Für die Akutbehandlung sind etwa zwölf bis zwanzig Einzelgespräche üblich. Dazu kommen Gesprächstherapie, Informationen über die Krankheit und emotionale Unterstützung, also Hoffnung geben und da sein.
Frau WeberDaneben gibt es weitere Möglichkeiten: Bewegungstherapie und Sport, Entspannung und Achtsamkeitstraining, Ergotherapie, Konzentrationstraining, Depressionsgruppen und soziales Kompetenztraining. Und es gibt zwei besondere Verfahren: die Lichttherapie und die Wachtherapie.
Frau WeberDie Lichttherapie hilft vor allem bei Depressionen, die im Herbst und Winter auftreten. Bei Lichtmangel bildet der Körper mehr Melatonin, ein Hormon, das uns müde macht, wenn es dunkel wird. Bei der Lichttherapie sitzt der Mensch vor einer speziellen Lampe mit sehr hellem Licht und U V-Filter. Oft liest man, dass mindestens zweitausend Lux nötig sind. Üblich sind heute Lampen mit etwa zehntausend Lux, vor denen man morgens etwa eine halbe Stunde sitzt. Normale Zimmerlampen sind viel zu schwach.
Frau WeberDie Wachtherapie, früher Schlafentzug genannt, ist erstaunlich: Viele depressive Menschen fühlen sich besser, wenn sie eine ganze Nacht und den folgenden Tag wach bleiben. Weil das allein schwer ist, wird es in Kliniken oft in Gruppen gemacht, mit Spielen und Spaziergängen in der Nacht. Die Wirkung hält aber oft nur kurz an. Deshalb wird die Wachtherapie mit anderen Behandlungen kombiniert.
Frau WeberBei schweren Depressionen, bei denen andere Behandlungen nicht geholfen haben, gibt es die Elektrokrampftherapie, kurz E K T. Dabei wird in einer kurzen Narkose und mit Muskelentspannung durch kurze Stromimpulse ein Krampfanfall im Gehirn ausgelöst. Der Patient spürt davon nichts, und nach außen sieht man fast nichts. Üblich sind acht bis zwölf Behandlungen im Abstand von zwei bis drei Tagen. Die E K T ist gut wirksam, besonders bei sehr schweren Depressionen mit Wahnvorstellungen. Sie hat nichts mit den schlimmen Bildern aus alten Filmen zu tun.
Frau WeberUnd was ist die Aufgabe der Pflege bei der Behandlung? Pflegende sollen die Patienten aufklären, sie zur regelmäßigen Einnahme der Medikamente motivieren, auf Nebenwirkungen achten und die Pflege entsprechend anpassen. Ihr beobachtet also, wie es dem Menschen geht, und meldet Veränderungen dem Arzt.
LenaUnd wie gehe ich im Alltag mit einem depressiven Menschen um? Ich hätte Angst, etwas Falsches zu sagen.
Frau WeberDas ist verständlich. Hier ein paar Grundsätze. Nehmt den Menschen und sein Leiden ernst. Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „Das wird schon wieder“ oder „Anderen geht es viel schlechter“ helfen nicht. Sie verstärken eher das Gefühl, nicht verstanden zu werden, und die Schuldgefühle. Versucht auch nicht, den Menschen um jeden Preis aufzuheitern. Hilfreicher ist es, da zu sein, zuzuhören und Geduld zu haben. Ihr könnt zum Beispiel sagen: „Ich sehe, dass es Ihnen gerade sehr schlecht geht. Ich bin da.“
Frau WeberEin fester Tagesablauf mit kleinen, erreichbaren Zielen gibt Halt. Zum Beispiel: heute aufstehen, sich waschen, einen kurzen Spaziergang machen. Lobt kleine Schritte. Überfordert den Menschen aber nicht, denn viele Pflichten auf einmal verstärken das Gefühl zu versagen. Viele depressive Menschen haben morgens ein besonderes Stimmungstief. Das nennt man Morgentief. Plant deshalb anstrengende Dinge lieber später am Tag, wenn es möglich ist. Und erklärt dem Menschen, dass die Depression eine Krankheit ist, die man gut behandeln kann, und dass seine negativen Gedanken ein Teil der Krankheit sind.
Frau WeberAchtet auch auf die körperlichen Bedürfnisse: Isst und trinkt der Mensch genug? Schläft er? Kümmert er sich um seine Körperpflege? Viele depressive Menschen vernachlässigen das, weil ihnen die Kraft fehlt. Hier unterstützt ihr, ohne ihnen alles abzunehmen.
Frau WeberJetzt kommen wir zum wichtigsten Thema dieser Stunde: der Suizidgefahr. Ein Suizid ist eine Selbsttötung. Die Nationale Versorgungsleitlinie nennt dazu Zahlen. Das Suizidrisiko ist bei depressiv erkrankten Menschen etwa dreißigmal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Sechzig bis siebzig Prozent der Patienten haben während einer depressiven Episode Suizidgedanken.
Frau WeberIn Deutschland sterben jedes Jahr etwa zehntausend Menschen durch Suizid. Das sind deutlich mehr als durch Verkehrsunfälle. Bis zu siebzig Prozent davon hängen mit einer depressiven Erkrankung zusammen. Manchmal liest man, dass sich täglich dreißig bis vierzig Menschen im Rahmen einer Depression das Leben nehmen. Diese Zahl ist zu hoch. Insgesamt, also mit allen Ursachen, sind es in Deutschland etwa achtundzwanzig Menschen pro Tag. Und die Zahl der Suizidversuche ist noch viel höher, etwa sieben- bis zwölfmal höher als die der vollendeten Suizide.
LenaDas ist erschreckend. Aber darf ich einen Patienten überhaupt auf Suizid ansprechen? Bringe ich ihn damit nicht erst auf die Idee?
Frau WeberDas ist die wichtigste Frage überhaupt, Lena, und die Antwort ist ganz klar: Nein. Ganz deutlich: Wenn man Patienten nach Suizidgedanken fragt, bringt man sie dadurch nicht erst auf die Idee. Das ist eine weit verbreitete Fehleinschätzung. Im Gegenteil: Die meisten Patienten sind sehr erleichtert, wenn jemand das Thema offen und einfühlsam anspricht. Endlich darf man darüber reden. Deshalb soll die Suizidgefahr aktiv und einfühlsam erfragt werden, und zwar nicht nur einmal am Anfang, sondern immer wieder im Verlauf. Denn Suizidgedanken können auch neu auftreten.
Frau WeberDie Leitlinie nennt dazu Fragen. Zum Beispiel: „Haben Sie in letzter Zeit daran denken müssen, nicht mehr leben zu wollen?“ „Häufiger?“ „Haben sich solche Gedanken aufgedrängt, auch wenn Sie es nicht wollten?“ „Konnten Sie diese Gedanken beiseiteschieben?“ „Haben Sie konkrete Ideen, wie Sie es tun würden?“ „Haben Sie schon Vorbereitungen getroffen?“ Und ganz wichtig auch die umgekehrte Frage: „Gibt es etwas, das Sie davon abhält?“ Weitere Fragen sind: „Haben Sie schon mit jemandem darüber gesprochen?“ „Haben Sie schon einmal einen Suizidversuch unternommen?“ Und: „Hat sich in Ihrer Familie oder in Ihrem Bekanntenkreis schon jemand das Leben genommen?“
Frau WeberMit diesen Fragen schätzt man ein, wie groß der Handlungsdruck ist. Man unterscheidet dabei Stufen: vom allgemeinen Lebensüberdruss über Todesgedanken bis zu Suizidabsichten, konkreten Plänen und Vorbereitungen. Je konkreter die Pläne, desto größer die Gefahr. Die genaue Einschätzung des Suizidrisikos ist eine ärztliche und psychotherapeutische Aufgabe. Aber ihr seid oft diejenigen, denen sich ein Patient zuerst anvertraut.
LenaUnd was mache ich, wenn ein Patient mir sagt, dass er nicht mehr leben will?
Frau WeberErstens: Ruhe bewahren und ernst nehmen. Jede Äußerung über Suizid wird ernst genommen, auch wenn sie nebenbei fällt, zum Beispiel „Es wäre besser, wenn ich nicht mehr da wäre.“ Zweitens: Zuhören, nicht verurteilen, nicht beschwichtigen. Ihr könnt sagen: „Danke, dass Sie mir das sagen. Das ist wichtig.“ Drittens: Informiert sofort die verantwortliche Pflegefachkraft und den Arzt. Das ist keine Verletzung des Vertrauens, sondern Schutz. Ihr müsst das auch nicht allein tragen und dürft es nicht für euch behalten. Viertens: Lasst einen akut suizidgefährdeten Menschen nicht allein, bis Hilfe da ist. Und fünftens: Dokumentiert, was er gesagt hat, möglichst wörtlich.
Frau WeberAußerdem gilt: Suizidgefährdete Patienten brauchen besondere Aufmerksamkeit und Betreuung, zum Beispiel in der Bezugspflege mit regelmäßigen Gesprächsangeboten. Wie eng jemand betreut wird, richtet sich nach seinem Risiko, danach, ob man mit ihm verlässliche Absprachen treffen kann, und nach der Umgebung. Man spricht von Absprachefähigkeit. Hochgefährdete Patienten brauchen eine engmaschige psychiatrische Betreuung. Welche Sicherheitsmaßnahmen auf eurer Station gelten, zum Beispiel wie mit gefährlichen Gegenständen oder Medikamenten umgegangen wird, steht in den Standards eures Hauses.
Frau WeberUnd was ist, wenn ein Mensch akut schwer suizidgefährdet ist, sich aber nicht behandeln lassen will? Dann ist schnelles Handeln nötig. Der Ablauf ist so: Ein Arzt muss die Notwendigkeit der Behandlung gegen den Willen bestätigen. Dann kann der Mensch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Innerhalb einer kurzen Frist, die je nach Bundesland unterschiedlich ist, muss ein Richter den Patienten persönlich anhören und entscheiden, ob er dort bleiben muss. Hält der Richter die Unterbringung nicht für nötig, muss der Patient entlassen werden.
Frau WeberEine Unterbringung gegen den Willen ist nur erlaubt, wenn eine akute Gefahr für sich selbst oder für andere besteht und sie nicht auf andere Weise abgewendet werden kann. Die genauen Regeln stehen in den Gesetzen der Bundesländer, zum Beispiel in den Gesetzen über psychisch Kranke, und im Betreuungsrecht. Wichtig für euch: Das entscheiden Ärzte und Gerichte, nicht die Pflege.
Frau WeberUnd noch etwas: Auch für euch selbst ist es belastend, mit suizidgefährdeten Menschen zu arbeiten. Sprecht darüber im Team, in Fallbesprechungen oder in der Supervision. Ihr müsst das nicht allein tragen.
Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Eine Depression ist eine ernsthafte Krankheit und keine Willensschwäche. Etwa jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens daran, Frauen etwa doppelt so oft wie Männer. Unipolar heißt: nur depressive Phasen, ohne Manie. Diese Phasen können einmal auftreten oder wiederkehren. Bipolar heißt: im Wechsel Depression und Manie.
Frau WeberDie drei Hauptsymptome nach der I C D zehn sind gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude und Antriebsminderung. Für die Diagnose braucht es mindestens zwei davon über mindestens zwei Wochen. Behandelt wird meist mit Medikamenten und Psychotherapie. Antidepressiva wirken erst nach zwei bis vier Wochen, machen nicht abhängig und dürfen nicht plötzlich abgesetzt werden. Am Anfang der Behandlung kann die Suizidgefahr steigen.
Frau WeberUnd das Wichtigste: Fragt nach Suizidgedanken. Das bringt niemanden auf die Idee, sondern entlastet. Jede Äußerung über Suizid wird ernst genommen und sofort an den Arzt und die verantwortliche Pflegefachkraft weitergegeben. Einen akut gefährdeten Menschen lasst ihr nicht allein.
LenaDanke, Frau Weber. Ich glaube, ich traue mich jetzt eher, das Thema anzusprechen.
Frau WeberDas freut mich sehr, Lena. Und euch allen: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!
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