Trinkertypen und Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek

Trinkertypen und Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek: kostenloses Lern-Audio (18 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript und passender Übung.

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Prüfungstraining: Jellinek Alkoholikertypen

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Transkript

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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber, und bei mir ist Lena, eine Auszubildende. Heute geht es um zwei Modelle, die in fast jedem Lehrbuch zur Alkoholabhängigkeit stehen: die fünf Trinkertypen und die vier Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek. Ein kurzer Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung und ersetzt keine ärztliche Diagnose.

LenaHallo! Wer war Jellinek eigentlich?

Frau WeberElvin Morton Jellinek war ein amerikanischer Wissenschaftler. Er hat viele Jahre über Alkoholismus geforscht und dabei auch für die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet. Neunzehnhundertsechzig erschien sein bekanntes Buch „The Disease Concept of Alcoholism“, auf Deutsch etwa: „Das Krankheitskonzept des Alkoholismus“. Das war damals sehr wichtig. Denn Jellinek hat deutlich gemacht, dass Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist und kein Charakterfehler.

Frau WeberBevor wir einsteigen, noch ein wichtiger Hinweis: Heute sind sich Fachleute einig, dass Jellineks Einteilung stark vereinfacht. Viele Menschen mit einer Alkoholkrankheit lassen sich nicht eindeutig einem Typ zuordnen. Die Diagnose stellt man heute mit den Kriterien der I C D oder des D S M. Trotzdem helfen die Typen und Phasen bei einer groben Einordnung. Und sie kommen oft in Prüfungen vor. Deshalb lohnt es sich, sie genau zu lernen.

Frau WeberFür die Trinkertypen braucht ihr zwei Begriffe, die Jellinek sehr wichtig waren. Der erste ist der Kontrollverlust. Kontrollverlust heißt: Wenn der Mensch einmal angefangen hat zu trinken, kann er nicht mehr aufhören. Er trinkt weiter, obwohl er eigentlich genug hat. Der zweite Begriff ist die Unfähigkeit zur Abstinenz. Das heißt: Der Mensch kann gar nicht mehr auf Alkohol verzichten, nicht einmal für einen Tag, weil er sonst Entzugsbeschwerden bekommt.

LenaDas klingt ähnlich. Was ist der Unterschied?

Frau WeberStell dir zwei Menschen vor. Der erste kann eine Woche lang gar nichts trinken. Aber wenn er am Samstag das erste Bier trinkt, hört er erst auf, wenn er völlig betrunken ist. Das ist Kontrollverlust. Der zweite trinkt nie so viel, dass er völlig betrunken ist. Aber er braucht jeden Tag, von morgens bis abends, seine Menge Alkohol, sonst zittert er. Das ist Unfähigkeit zur Abstinenz. Und genau an diesen beiden Begriffen unterscheiden sich die zwei wichtigsten Typen. Merkt euch das gut.

Frau WeberJetzt die fünf Typen. Jellinek hat sie mit den ersten fünf Buchstaben des griechischen Alphabets benannt: Alpha, Beta, Gamma, Delta und Epsilon.

Frau WeberDer Alpha-Trinker wird auch Erleichterungstrinker, Problemtrinker oder Konflikttrinker genannt. Er trinkt, um Belastungen zu bewältigen, zum Beispiel um Stress abzubauen, Ärger zu vergessen oder sich zu entspannen. Er hat keinen Kontrollverlust und kann im Prinzip auch aufhören.

Frau WeberHier müsst ihr aufpassen, denn manchmal liest man, dass der Alpha-Trinker weder körperlich noch psychisch abhängig ist. Das stimmt so nicht ganz. Nach Jellinek und nach den meisten deutschen Lehrbüchern ist der Alpha-Trinker psychisch abhängig. Er braucht den Alkohol, um mit seinen Problemen klarzukommen. Er ist aber nicht körperlich abhängig. Richtig ist aber: Wer Alkohol zum Stressabbau nutzt, ist besonders gefährdet, später eine stärkere Abhängigkeit zu entwickeln.

Frau WeberDer Beta-Trinker wird auch Gelegenheitstrinker oder Gesellschaftstrinker genannt. Er trinkt vor allem bei gesellschaftlichen Anlässen, zum Beispiel auf Festen, und manchmal auch zu viel, bis zum Vollrausch. Er ist weder körperlich noch psychisch abhängig und hat keinen Kontrollverlust. Aber, und das ist wichtig: Auch ohne Abhängigkeit kann regelmäßiger hoher Konsum körperliche Schäden verursachen, zum Beispiel an der Leber oder am Magen.

Frau WeberDer Gamma-Trinker ist der süchtige Trinker, der Alkoholiker im engeren Sinn. Man nennt ihn auch Rauschtrinker. Das wichtigste Merkmal ist der Kontrollverlust. Er trinkt, bis er völlig betrunken ist, obwohl er merkt, dass er eigentlich genug hat. Er ist psychisch und körperlich abhängig. Aber er kann zwischendurch Phasen haben, in denen er gar nicht trinkt. Er ist also zur Abstinenz fähig, verliert aber die Kontrolle, sobald er trinkt. Dieser Typ ist in Nordamerika besonders häufig beschrieben worden.

Frau WeberDer Delta-Trinker ist der Spiegeltrinker oder Pegeltrinker. Er trinkt regelmäßig und gleichmäßig über den Tag verteilt, um einen bestimmten Alkoholspiegel im Blut zu halten. Wenn der Spiegel sinkt, bekommt er Entzugsbeschwerden, zum Beispiel Zittern, Schwitzen und Unruhe. Deshalb ist er unfähig zur Abstinenz. Er kann nicht einmal einen Tag auf Alkohol verzichten.

LenaUnd hat der Delta-Trinker dann auch einen Kontrollverlust?

Frau WeberDas ist die klassische Prüfungsfrage, Lena, und hier liest man leider oft etwas Falsches, nämlich dass der Delta-Trinker keine Kontrolle mehr über sein Trinkverhalten hat. Nach Jellinek ist es aber genau umgekehrt. Der Delta-Trinker hat typischerweise keinen Kontrollverlust. Er trinkt kontrolliert seine Menge, um den Spiegel zu halten, und ist selten richtig betrunken. Deshalb fällt er oft lange nicht auf. Er wirkt im Alltag unauffällig, kann aber nicht aufhören. Das Problem des Delta-Trinkers ist also nicht der Kontrollverlust, sondern die Unfähigkeit zur Abstinenz. Dieser Typ ist in Ländern mit einer starken Weintradition, zum Beispiel in Frankreich, besonders häufig beschrieben worden.

Frau WeberMerkhilfe: Gamma kann aufhören, aber nicht maßhalten. Delta kann maßhalten, aber nicht aufhören.

Frau WeberDer Epsilon-Trinker ist der Quartalstrinker. Der Fachbegriff dafür ist Dipsomanie. Er hat immer wieder längere Phasen, oft Wochen oder Monate, in denen er gar nicht trinkt. Dann überkommt ihn plötzlich ein unkontrollierbares Verlangen, und er trinkt mehrere Tage lang exzessiv, bis zum völligen Vollrausch, mit Kontrollverlust. Danach folgt wieder eine Pause. Auch der Epsilon-Trinker ist schwer alkoholkrank.

Frau WeberLasst uns die fünf Typen noch einmal kurz zusammenfassen. Alpha: Erleichterungstrinker, psychisch abhängig, kein Kontrollverlust, nicht körperlich abhängig. Beta: Gelegenheitstrinker, nicht abhängig, aber mögliche körperliche Schäden. Gamma: süchtiger Trinker, psychisch und körperlich abhängig, mit Kontrollverlust, aber Abstinenzphasen möglich. Delta: Spiegeltrinker, körperlich abhängig, unfähig zur Abstinenz, meist ohne Kontrollverlust. Epsilon: Quartalstrinker, lange Pausen, dann tagelange Exzesse mit Kontrollverlust. Nach Jellinek gelten Gamma, Delta und Epsilon als Formen der eigentlichen Alkoholkrankheit.

Frau WeberKommen wir zum zweiten Modell: den vier Phasen der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek. Dieses Modell beschreibt, wie sich eine Abhängigkeit Schritt für Schritt entwickeln kann. Jellinek hat es aus Befragungen von Menschen mit Alkoholabhängigkeit entwickelt, vor allem von Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker. Es beschreibt besonders gut den Verlauf beim Gamma-Trinker. Auch hier gilt: Die Grenzen sind in Wirklichkeit fließend.

Frau WeberDie erste Phase ist die voralkoholische Phase. Manchmal nennt man sie auch symptomatische Phase. Der Mensch ist noch nicht abhängig. Er trinkt zu bestimmten Anlässen, zum Beispiel bei Feiern und Geburtstagen, oft am Wochenende. Aber zunehmend trinkt er auch, um Stress zu bewältigen. Das nennt man Erleichterungstrinken. Man spricht auch von einer Funktionalisierung des Alkohols: Alkohol bekommt eine Aufgabe, nämlich Probleme leichter zu machen.

Frau WeberIn dieser Phase verbindet der Mensch Alkohol immer mehr mit positiven Gefühlen. Er trinkt häufiger und mehr und sucht manchmal gezielt nach Situationen, in denen er das Trinken rechtfertigen kann. Er verträgt nach und nach mehr. Der Übergang zur nächsten Phase ist fließend. Er beginnt, wenn Alkohol andere Wege verdrängt, mit Stress umzugehen.

Frau WeberZusammengefasst, worauf Betroffene und Angehörige in dieser Phase achten sollten: Der Mensch hat seinen Konsum noch unter Kontrolle, trinkt aber mehr als früher. Besonders bei Feiern oder in Stresssituationen ist Alkohol die naheliegendste Lösung. Und der Konsum beschränkt sich zuerst auf Wochenenden oder Urlaub, dehnt sich dann aber immer mehr auf andere Tage aus.

Frau WeberDie zweite Phase ist die Prodromalphase, auch Vorläuferphase oder Anfangsphase genannt. Jetzt wird eine Grenze überschritten. Alkohol wird nicht mehr zum Genuss getrunken, sondern immer mehr als Problemlöser gebraucht. Und es zeigen sich die ersten ernsthaften Zeichen. Typisch sind Gedächtnislücken, umgangssprachlich Filmrisse. Der Fachbegriff ist Amnesie. Dazu kommt das Bedürfnis, das Trinken zu verheimlichen, zum Beispiel heimlich zu trinken oder Flaschen zu verstecken. Der Mensch denkt häufig an Alkohol und trinkt gierig, zum Beispiel die ersten Gläser besonders schnell.

LenaMerken die Menschen denn selbst, dass sie ein Problem haben?

Frau WeberOft schon, ja. Durch die Filmrisse merken viele, dass sie anders trinken als ihre Freunde. Sie wissen eigentlich, dass sie zu viel trinken, und verheimlichen es deshalb. Wenn man sie darauf anspricht, reagieren sie beschämt oder ausweichend, und sie spielen es herunter. Gleichzeitig steigt die Menge weiter, weil der Körper sich an den Alkohol gewöhnt. Die Toleranz steigt also.

Frau WeberDie dritte Phase ist die kritische Phase. Jetzt ist eine Abhängigkeit eingetreten, auch wenn die Betroffenen sie oft noch hartnäckig leugnen. Meistens sind sie psychisch und körperlich abhängig, wobei eines von beiden überwiegen kann. Das wichtigste Merkmal dieser Phase ist der Kontrollverlust. Nach dem ersten Glas folgen viele weitere. Manche können zwar noch kurze Zeit ganz auf Alkohol verzichten und machen Trinkpausen, oft um sich selbst zu beweisen, dass sie es noch im Griff haben. Aber sobald sie wieder trinken, verlieren sie die Kontrolle.

Frau WeberWeitere typische Merkmale der kritischen Phase sind: Die Betroffenen versuchen nicht mehr, dem Verlangen zu widerstehen. Beim Trinken steigt die Menge bis zu Blackouts oder Bewusstlosigkeit. Sie suchen Ausreden, warum ihr Trinken in Ordnung sei. Sie ziehen sich sozial zurück, auch von der eigenen Familie, weil sie nicht auf ihren Konsum angesprochen werden wollen. Sie verlieren an Selbstwertgefühl, und manche werden aggressiver. Das sexuelle Verlangen und die Leistung im Beruf lassen nach, und manche gehen schon angetrunken zur Arbeit. Das kann zum Verlust des Arbeitsplatzes oder zur Trennung führen. Und es treten erste körperliche Folgen auf, zum Beispiel Leberschäden, eine Magenschleimhautentzündung oder Potenzprobleme.

Frau WeberDie vierte Phase ist die chronische Phase. Jetzt bestimmt der Alkohol das ganze Leben. Es besteht eine starke psychische und körperliche Abhängigkeit. Die früheren Gründe zu trinken, also Stressabbau oder gute Gefühle, spielen keine Rolle mehr. Der Alkohol bringt keine Entlastung mehr, er befriedigt nur noch kurz die Sucht. Die Abstinenzpausen der kritischen Phase gibt es nicht mehr. Der Mensch trinkt jeden Tag, oft schon morgens, um die Entzugsbeschwerden zu bekämpfen. Typisch sind außerdem tagelange Räusche.

Frau WeberUnd jetzt noch ein Merkmal, das oft vergessen wird, das aber sehr typisch für die chronische Phase ist: der Toleranzverlust. In den ersten Phasen steigt die Toleranz, der Mensch verträgt also immer mehr. In der chronischen Phase kehrt sich das um. Weil die Leber und das Gehirn geschädigt sind, verträgt der Mensch plötzlich viel weniger. Schon kleinere Mengen machen ihn stark betrunken.

Frau WeberWenn ein Mensch in der chronischen Phase nicht trinkt, bekommt er starke Entzugsbeschwerden: Schweißausbrüche, unkontrolliertes Zittern, Magen-Darm-Beschwerden, einen hohen Blutdruck und einen schnellen Puls. Viele bekommen regelrecht Panik, wenn sie keinen Alkohol erreichen können. Weitere Merkmale sind eine völlige soziale Isolation, außer vielleicht zu anderen alkoholkranken Menschen, die Vernachlässigung von Pflichten und der eigenen Körperpflege, schwere Folgeerkrankungen wie Leberschäden, innere Blutungen, Schlaganfall, Herzinfarkt oder das Korsakow-Syndrom, und häufig eine Depression. Denn in dieser Phase wirkt Alkohol stark bedrückend und verstärkt die Abwärtsspirale. Viele Betroffene haben dann auch Suizidgedanken.

LenaDas ist ein sehr trauriger Verlauf. Kann man in jeder Phase noch aussteigen?

Frau WeberJa, und das ist die wichtigste Botschaft. Je früher jemand Hilfe bekommt, desto besser. Aber auch in der chronischen Phase kann eine Behandlung aus Entzug, Entwöhnung und Nachsorge helfen. Für euch in der Pflege heißt das: Achtet schon früh auf Warnzeichen, zum Beispiel wenn ein Patient erzählt, dass er zum Entspannen immer mehr trinkt, oder wenn er Filmrisse erwähnt. Sprecht das respektvoll und ohne Vorwürfe an, informiert den Arzt und weist auf Beratungsangebote hin. Und wenn ihr den Verdacht habt, dass ein Patient im Krankenhaus in einen Entzug kommt, meldet das sofort, denn ein Alkoholentzug kann gefährlich werden.

Frau WeberNoch ein Hinweis für eure Praxis: Nutzt die Trinkertypen nicht, um Menschen in Schubladen zu stecken. Sagt also nicht über einen Patienten „Das ist ein typischer Delta“. Die Typen sind ein Modell zum Verstehen, keine Diagnose. Die Diagnose stellt der Arzt mit den Kriterien der I C D.

Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Jellinek hat fünf Trinkertypen beschrieben. Alpha: Erleichterungstrinker, psychisch abhängig, kein Kontrollverlust. Beta: Gelegenheitstrinker, nicht abhängig. Gamma: süchtiger Trinker mit Kontrollverlust, aber Abstinenzphasen möglich. Delta: Spiegeltrinker, unfähig zur Abstinenz, meist ohne Kontrollverlust. Epsilon: Quartalstrinker mit tagelangen Exzessen. Merkt euch: Gamma kann aufhören, aber nicht maßhalten. Delta kann maßhalten, aber nicht aufhören.

Frau WeberAußerdem gibt es vier Phasen der Abhängigkeit. In der voralkoholischen Phase wird Alkohol zum Erleichterungsmittel. In der Prodromalphase kommen Filmrisse, heimliches und gieriges Trinken und steigende Toleranz. In der kritischen Phase kommt der Kontrollverlust mit sozialem Rückzug und ersten körperlichen Folgen. Und in der chronischen Phase bestimmt der Alkohol das ganze Leben, mit morgendlichem Trinken, tagelangen Räuschen, Toleranzverlust und schweren Folgeschäden. Beide Modelle sind vereinfacht, helfen aber beim Verstehen.

LenaDanke! Die Merkhilfe mit Gamma und Delta werde ich mir merken.

Frau WeberDas freut mich, Lena. Und euch allen: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!

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