Biografiearbeit – Kommunikation und der Umgang mit sensiblen Themen

Biografiearbeit – Kommunikation und der Umgang mit sensiblen Themen: kostenloses Lern-Audio (14 Min.) für die Pflegeausbildung – als Gespräch zwischen Lehrkraft und Azubis, mit vollständigem Transkript.

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Transkript

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Frau WeberHallo und herzlich willkommen! Ich bin Frau Weber. Heute geht es um die Biografiearbeit, und zwar um zwei Schwerpunkte: um die Kommunikation, also wie ihr gute Gespräche über die Lebensgeschichte führt, und um den Umgang mit sensiblen Themen wie Tabus und Traumata. Ein kurzer Hinweis vorab: Dieser Podcast ist Teil eurer Ausbildung und ersetzt nicht die Standards eurer Einrichtung.

Frau WeberZuerst eine kurze Wiederholung. Was ist Biografiearbeit? Biografiearbeit bedeutet, sich gemeinsam mit einem Menschen mit seiner Lebensgeschichte zu beschäftigen. Das Ziel ist, ihn besser zu verstehen, sein Verhalten besser einordnen zu können, seine Ressourcen und Vorlieben zu erkennen und die Pflege und den Alltag so zu gestalten, dass sie zu ihm passen. Ein Beispiel: Eine Bewohnerin steht jeden Morgen um fünf Uhr auf und ist unruhig. Wenn ihr wisst, dass sie ihr Leben lang Bäuerin war und um fünf die Kühe gemolken hat, versteht ihr ihr Verhalten ganz anders.

Frau WeberBiografiearbeit kann ungeplant im Alltag passieren, zum Beispiel wenn ein Bewohner beim Waschen von seiner Kindheit erzählt. Oder sie ist geplant, zum Beispiel in einem Einzelgespräch oder einer Erzählgruppe. Hilfsmittel dafür sind zum Beispiel alte Fotos, Musik von früher, Alltagsgegenstände aus der Jugendzeit, eine Erinnerungskiste oder ein Lebensbuch, in dem wichtige Erinnerungen gesammelt werden. Und oft sind Angehörige eine wichtige Quelle für Informationen. Wichtig ist immer: Biografiearbeit ist freiwillig. Der Mensch entscheidet selbst, was er erzählen möchte. Und alles, was er erzählt, fällt unter die Schweigepflicht.

Frau WeberKommen wir zur Kommunikation. Was sind Kriterien für ein gutes Gespräch? Überlegt einmal kurz für euch … Denkt an ein Gespräch, in dem ihr euch richtig verstanden gefühlt habt. Was hat die andere Person gemacht? Wahrscheinlich hat sie euch angeschaut, euch ausreden lassen, nachgefragt und sich wirklich für euch interessiert. Genau das sind die Grundlagen.

Frau WeberMan teilt die Kommunikationstechniken in zwei Gruppen ein: nonverbale und verbale. Nonverbal heißt ohne Worte. Dazu gehört erstens der Augenkontakt. Er zeigt, dass ihr aufmerksam seid. Zweitens eine offene Körperhaltung, also zum Beispiel keine verschränkten Arme. Drittens die Mimik, zum Beispiel ein Lächeln oder ein interessierter Gesichtsausdruck. Viertens die Gestik, also die Bewegungen der Hände. Dazu gehört auch das „Imitieren“. Wenn ihr die Körperhaltung eures Gegenübers leicht übernehmt, fühlt er sich oft besser verstanden. Und fünftens: auf Augenhöhe. Setzt euch hin, wenn der andere sitzt oder liegt, statt von oben herab zu sprechen.

Frau WeberVerbal heißt mit Worten. Hier gibt es viele Techniken. Erstens: offene Fragen stellen. Eine offene Frage lädt zum Erzählen ein, zum Beispiel: „Wie war das damals, als Sie nach München gekommen sind?“ Eine geschlossene Frage kann man dagegen nur mit Ja oder Nein beantworten, zum Beispiel: „Sind Sie in München aufgewachsen?“ Geschlossene Fragen sind nützlich, wenn man etwas Konkretes wissen will, aber für die Biografiearbeit sind offene Fragen meist besser.

Frau WeberEin wichtiger Hinweis zu den offenen Fragen: Bei älteren Menschen und besonders bei Menschen mit Demenz vermeidet man „Warum-Fragen“, zum Beispiel „Warum haben Sie das gemacht?“ Warum-Fragen verlangen eine Begründung. Sie können wie ein Vorwurf klingen und setzen Menschen unter Druck, die nicht mehr logisch erklären können. Besser sind Fragen mit wer, was, wo, wie und wann.

Frau WeberWeitere verbale Techniken sind: Ich-Botschaften, zum Beispiel „Ich finde es spannend, was Sie erzählen“. Eine angemessene Lautstärke und Geschwindigkeit. Viele ältere Menschen hören schlechter, sprecht deshalb deutlich und nicht zu schnell, aber schreit nicht. Ein passendes Sprachniveau, also einfache Worte ohne Fachbegriffe. Den anderen aussprechen lassen und Sprechpausen aushalten. Oft braucht ein Mensch einen Moment, um sich zu erinnern.

Frau WeberDann gibt es drei Techniken, die oft verwechselt werden. Das Paraphrasieren: Ihr wiederholt mit euren eigenen Worten, was der andere gesagt hat. Zum Beispiel: „Sie haben also nach dem Krieg in einer Bäckerei gearbeitet.“ So zeigt ihr, dass ihr zugehört habt, und prüft, ob ihr es richtig verstanden habt. Das Widerspiegeln: Ihr sprecht das Gefühl an, das hinter dem Gesagten steckt. Zum Beispiel: „Da klingen Sie richtig stolz.“ Und das Nachfragen: Ihr fragt gezielt, um mehr zu erfahren oder etwas zu klären. Zum Beispiel: „Und wie ging es dann weiter?“

Frau WeberAlle diese Techniken zusammen nennt man aktives Zuhören. Aktives Zuhören heißt, dass ihr nicht nur still dasitzt, sondern dem anderen mit Worten und Körpersprache zeigt, dass ihr ganz bei ihm seid.

Frau WeberEine gute Übung ist, Videos mit Arztgesprächen anzuschauen und zu beobachten, welche Fehler in der Gesprächsführung passieren. Achtet dabei auf die Punkte, die wir gerade besprochen haben. Wird der Patient ausreden gelassen? Werden offene oder geschlossene Fragen gestellt? Wird nachgefragt und paraphrasiert? Passt die Körpersprache? Wird eine verständliche Sprache genutzt, oder kommen viele Fachbegriffe vor? Bildet euch dabei eure eigene Meinung.

Frau WeberEine weitere Übung funktioniert ähnlich wie Speed-Dating. Immer zwei Personen sprechen eine Minute lang miteinander, dann wird gewechselt. Jedes Mal übt ihr eine andere Technik: offene Fragen, geschlossene Fragen, Paraphrasieren, Nachfragen und zum Schluss nur nonverbales aktives Zuhören, also nur mit Blickkontakt, Nicken und Mimik, ohne selbst etwas zu sagen. Das ist eine spannende Erfahrung. Viele merken dabei, wie viel man auch ohne Worte zeigen kann, und wie schwer es manchmal ist, nicht sofort selbst etwas zu sagen.

Frau WeberKommen wir zum zweiten großen Teil: sensiblen Themen, Traumata und Tabus. Zuerst drei wichtige Punkte. Erstens: Biografiearbeit ist keine Therapieform. Zweitens: Das Ziel ist keine Traumatherapie. Und drittens: Bei sensiblen Themen ist ein äußerst behutsames Vorgehen nötig. Das heißt: Ihr seid keine Psychotherapeuten und sollt auch keine sein. Ihr sollt die Lebensgeschichte würdigen, aber keine alten Wunden aufreißen.

Frau WeberWas ist ein Tabu? Ein Tabu ist eine ungeschriebene Regel in einer Gesellschaft oder Gruppe, die ein bestimmtes Verhalten oder das Sprechen über ein bestimmtes Thema verbietet. Tabus werden meist nicht hinterfragt und sind sehr streng. Oft liest man, dass Tabus universell sind. Das muss man genauer sagen: Es gibt Tabus, die in fast allen Kulturen gelten, aber viele Tabus sind von Kultur zu Kultur, von Familie zu Familie und von Generation zu Generation verschieden. Für viele alte Menschen sind zum Beispiel Themen wie Sexualität, psychische Krankheiten, uneheliche Kinder, Geld oder bestimmte Familiengeheimnisse tabu, über die sie nie gesprochen haben.

Frau WeberWas ist ein Trauma? Ein Trauma ist eine tiefgreifende seelische Verletzung. Sie entsteht durch ein Erlebnis, das so bedrohlich oder erschütternd war, dass der Mensch es nicht verarbeiten konnte. Traumatische Erinnerungen können auch Jahrzehnte später plötzlich wiederkommen, zum Beispiel im Alter, bei einer Demenz oder in einer Situation, in der sich der Mensch hilflos fühlt.

Frau WeberWelche Themen können in der Biografiearbeit aufkommen? Es gibt viele Beispiele: Krieg, Gewalterfahrungen, Kinderlosigkeit, Armut, Hunger, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Rassismus, Krankheit und der Tod von Angehörigen. Denkt daran: Viele heute hochbetagte Menschen in Deutschland haben als Kinder oder Jugendliche den Zweiten Weltkrieg erlebt, Bombennächte, Flucht und Vertreibung, Hunger und den Verlust von Familienangehörigen. Manche haben Gewalt erlebt. Und Menschen, die aus anderen Ländern eingewandert oder geflüchtet sind, bringen oft ganz eigene schwere Erfahrungen mit.

Frau WeberEin wichtiger Begriff dazu ist der sogenannte Auslöser, auf Englisch Trigger. Das ist ein Reiz, der eine traumatische Erinnerung plötzlich wieder wachruft. Das können zum Beispiel laute Geräusche wie Sirenen oder ein Feuerwerk sein, Dunkelheit, das Ausziehen vor fremden Menschen, eine Dusche, bestimmte Uniformen oder ein festes Halten. Wenn ein Mensch in einer solchen Situation plötzlich große Angst bekommt, sich wehrt oder weint, kann das der Grund sein. Deshalb ist es so wichtig, die Biografie zu kennen.

Frau WeberWie solltet ihr reagieren, wenn ein sensibles Thema aufkommt? Erstens: Bleibt ruhig und hört zu. Nehmt die Gefühle des Menschen ernst, ohne sie zu bewerten. Zweitens: Bohrt nicht nach. Wenn jemand nicht weiter erzählen möchte, akzeptiert das. Auch Schweigen ist in Ordnung. Drittens: Öffnet keine Themen, die ihr nicht auffangen könnt. Stellt also keine Fragen wie „Was ist Ihnen im Krieg passiert?“, wenn ihr in zwei Minuten schon wieder gehen müsst.

Frau WeberViertens: Zeigt Mitgefühl, zum Beispiel: „Das muss sehr schwer für Sie gewesen sein.“ Und würdigt, was der Mensch geschafft hat: „Sie haben damals sehr viel ausgehalten.“ Das stärkt ihn. Fünftens: Wenn ein Mensch sehr aufgewühlt ist, helft ihm behutsam zurück in die Gegenwart, zum Beispiel: „Jetzt sind Sie hier bei uns, hier sind Sie sicher.“ Und lenkt das Gespräch vorsichtig auf etwas, das ihm Kraft gibt. Sechstens: Lasst den Menschen danach nicht sofort allein. Und siebtens: Informiert das Team, wenn ein sensibles Thema aufgekommen ist, und dokumentiert es, soweit es für die Pflege wichtig ist. Wenn ein Mensch stark belastet ist, kann auch professionelle Hilfe nötig sein, zum Beispiel durch eine Psychologin oder die Seelsorge.

Frau WeberUnd wie könnt ihr euch vorbereiten? Erstens: Informiert euch vorher, so gut es geht, über die Lebensgeschichte, zum Beispiel aus der Dokumentation oder durch Gespräche mit Angehörigen. Dann wisst ihr, welche Themen schwierig sein könnten. Zweitens: Schafft einen guten Rahmen: genug Zeit, einen ruhigen Ort und keine Störungen. Drittens: Informiert euch über die Zeitgeschichte, also darüber, was die Generation eurer Bewohner erlebt hat. Viertens: Denkt über euch selbst nach. Welche Themen sind für euch selbst schwierig? Was würde euch sehr berühren? Und fünftens: Kennt eure Grenzen. Ihr müsst nicht alles allein tragen. Sprecht über belastende Gespräche im Team oder in der Supervision.

Frau WeberNoch ein letzter Gedanke: Biografiearbeit ist nicht nur ein Blick auf das Schwere. Die meisten Lebensgeschichten sind voll von schönen Erinnerungen, von Stolz, Liebe, Arbeit und Humor. Richtet euren Blick deshalb vor allem auf die Ressourcen: Was hat der Mensch geschafft? Was hat ihm Freude gemacht? Was gibt ihm heute noch Kraft? Das ist die eigentliche Stärke der Biografiearbeit.

Frau WeberWir sind am Ende der Stunde. Hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Biografiearbeit hilft, einen Menschen zu verstehen und die Pflege an ihn anzupassen. Sie ist freiwillig und vertraulich. Für ein gutes Gespräch helfen nonverbale Techniken wie Augenkontakt, offene Haltung, Mimik, Gestik und Augenhöhe, und verbale Techniken wie offene Fragen, Ich-Botschaften, eine passende Lautstärke und Geschwindigkeit, Aussprechen lassen, Pausen, Paraphrasieren, Widerspiegeln und Nachfragen. Zusammen nennt man das aktives Zuhören. Bei älteren Menschen vermeidet ihr Warum-Fragen.

Frau WeberBiografiearbeit ist keine Therapie. Bei sensiblen Themen wie Krieg, Gewalt, Armut oder Verlust geht ihr sehr behutsam vor: zuhören, nicht nachbohren, Schweigen akzeptieren, keine Themen öffnen, die ihr nicht auffangen könnt, Mitgefühl zeigen und bei Bedarf in die Gegenwart zurückführen. Tabus sind oft kulturell und familiär unterschiedlich. Traumata können durch Auslöser wieder wach werden. Bereitet euch gut vor, kennt eure Grenzen und holt euch Unterstützung im Team. Und richtet den Blick vor allem auf die Ressourcen und die schönen Erinnerungen.

Frau WeberVielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!

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